Gewalt in der Pflege: Überforderung und Zeitnot als Hauptursachen
Gewalt in der Pflege: Überforderung als Hauptursache

Gewalt in der Pflege: Überforderung und Zeitnot als Hauptursachen

Zeitnot, Überforderung oder ein angespanntes zwischenmenschliches Verhältnis – in der Pflege kommt es regelmäßig zu Vernachlässigungen und sogar zu Gewalt. Die genaue Erfassung dieser Vorfälle gestaltet sich jedoch äußerst schwierig. Mitarbeiter der Psychiatrischen Klinik Lüneburg trainieren in speziellen Rollenspielen professionelle Deeskalationsstrategien, um besser auf Krisensituationen vorbereitet zu sein.

Professionelle Deeskalation durch gezielte Schulungen

„Je sicherer man sich fühlt, desto weniger eskaliert eine Situation“, erklärt Trainer Uwe Groß. „Wenn ich unsicher bin, kann das für mein Gegenüber manchmal eine Aufforderung zur Eskalation sein.“ In dreitägigen Lehrgängen lernen Teilnehmer aus allen Fachrichtungen, dass eine entspannte Körperhaltung enorm wichtig ist, um deeskalierend zu wirken. Eine Abwehrhaltung sollte vermieden werden, stattdessen ist eine offene Ansprache entscheidend.

Nils Schneider, Pflegebereichsleitung in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, betont: „Reden hilft, aber im Umgang mit sehr angespannten Menschen sind kurze Sätze mit gerade mal fünf Wörtern zu empfehlen.“ 20 Trainer unterrichten dort, um in kritischen Lagen ruhig und professionell zu bleiben. Zielführend sind Aufforderungen und offene Fragen wie „Was ist los?“ oder „Habe ich Sie richtig verstanden, dass...?“. Nicht hilfreich ist hingegen ein „Warum machen Sie das?“.

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Präventionsprogramm mit internationaler Reichweite

Grundlage dieser Schulungen ist das Konzept von Part, einem Präventionsprogramm, das in Deutschland, Österreich und der Schweiz von mehr als tausend Trainern unterrichtet wird. Die Idee entstand vor 50 Jahren in einer psychiatrischen Klinik in Kalifornien, wo die Gewalt überhandnahm. „Nach tausend Übergriffen gab es dort den Startschuss“, erzählt Jens Schikora, Geschäftsführer der Part-Training GmbH.

Die Belastung des Personals sei oft zu groß. „Jeder hat einen Punkt, wo er dünnhäutig wird, es hilft, ihn zu kennen.“ Früher lag der Fokus nur auf der körperlichen Behandlung, inzwischen hat sich dieser verschoben – auf den Patienten wird mehr eingegangen. So sei das Bedürfnis hinter der Aggression leichter zu verstehen, erklärt Schneider. Das Programm gibt es seit 30 Jahren, geschult wird auch in Altenheimen, Jugendwohngruppen und Integrationswerkstätten.

Statistische Erfassung bleibt schwierig

Gewalt in der Pflege zahlenmäßig zu erfassen, ist nach wie vor schwierig. Erst seit 2024 ist laut Landeskriminalamt Niedersachsen die Angabe der Tatörtlichkeit in der polizeilichen Kriminalstatistik verpflichtend. In der Rubrik Krankenhaus kam es demnach landesweit in dem Jahr zu 514 Fällen vorsätzlicher Körperverletzungen, 50 Fällen fahrlässiger Körperverletzungen, 14 Fällen von Freiheitsberaubung und 245 Fällen von Bedrohung.

In Alten- und Pflegeheimen waren es 270 vorsätzliche Körperverletzungen, 29 fahrlässige Körperverletzungen, 12 Freiheitsberaubungen und 65 Bedrohungen. All diese Zahlen sind unabhängig davon, wer tatverdächtig oder Opfer war. Etwas genauer wird es, wenn man in der Kriminalstatistik das Merkmal der sozialen Opfer-Tatverdächtigen-Beziehung nutzt. Wird dazu die Tatörtlichkeit Krankenhaus oder Senioren- und Pflegeheim verwendet, muss ein Betreuungsverhältnis wie zwischen Arzt und Patient vorliegen.

Auch hier bleibt allerdings unklar, aus welcher Richtung die Gewalt kommt – sowohl Opfer als auch Verdächtige können demnach zum ärztlichen oder Pflegepersonal gehören. Betrachtet man die Alten- und Pflegeheime, kam es nach Angaben der Behörde 2019 zu 207 Fällen von Straftaten gegen das Leben, Rohheitsdelikten, Straftaten gegen die persönliche Freiheit und tätlichen Angriffen – 2024 waren es immerhin 342 Fälle. Mit Blick auf Krankenhäuser waren es 2019 noch 127 Fälle, bis 2024 stieg die Zahl auf 206.

Trainer berichten von Verbesserungen

Ergänzt man in der Statistik unter „Opfer wegen persönlicher Beeinträchtigung“ die Merkmale Gebrechlichkeit, Alter, Krankheit und Verletzung als Ursache für die Gewalt, ergaben sich in Alten- und Pflegeheimen im Jahr 2019 insgesamt 57 Fälle – 2024 waren es 79. Im Krankenhaus listet die Statistik für 2019 46 Fälle auf, während es 2024 mit 51 nur wenig mehr waren.

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Allerdings handelt es sich nicht um ein Pflichtfeld, in knapp 80 Prozent aller landesweiten Ermittlungen gebe es hier keine Eintragungen, betonte eine Sprecherin des Landeskriminalamts. Und doch: Dass sich die Lage erheblich verbessert hat, erzählen die Trainer aus der Erfahrung auf den Stationen der Klinik. „Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Gewalt abgenommen hat, wir können die Patienten viel früher abfangen, weniger Zwangsmaßnahmen sind nötig“, sagt Eike Simon, der auf der Intensivtherapiestation in Lüneburg arbeitet. Besonders wirksam sei auch die Nachbereitung eines Gewaltausbruchs.

Vernachlässigungen und psychischer Druck

Nicht nur Pflegende und Fachpersonal sind betroffen, auch Patienten in privaten und professionellen Zusammenhängen erfahren Vernachlässigungen oder Misshandlungen. Die Taten – besonders in häuslicher Pflege – geschehen oft unbemerkt. Überforderung, Zeitdruck oder Personalmangel – die Ursachen für Gewalt in der Pflege sind vielfältig.

Der „Runde Tisch gegen Gewalt in der Pflege“ in Lüneburg kümmert sich schon seit einem Jahrzehnt um das Thema, das Hilfetelefon mit einer fachkundigen Juristin wird angenommen. Zur Sprache kommen unterlassene Hilfestellungen wie die Verweigerung ausreichender Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung, das Alleinlassen oder ein Mangel an umfassender Hygiene.

Auch psychischer Druck durch Beschimpfen, Einschüchtern, Isolieren oder das Androhen einer Heimeinweisung sei nicht selten. Es gehe bis hin zu körperlicher Gewalt. Weitere Formen der Misshandlung seien ein zu festes Zufassen, Drängen, Ziehen an Ohren oder Haaren. Auch der Zwang zur Bettruhe, zu viele Beruhigungsmittel oder das Fixieren von Armen und Beinen zählen dazu.

Keine klassischen Täter-Opfer-Rollen

Nach Angaben des niedersächsischen Gesundheitsministeriums gibt es seit 2021 mit der Beschwerdestelle Pflege eine neutrale und unabhängige Anlaufstelle für pflegebedürftige Menschen, ihre Angehörigen sowie Beschäftigte in der Pflege. Ziel sei, Hinweise auf Missstände in der Pflege zu erfassen und die Betroffenen zu beraten.

Zunächst aber müssen Heimbetreiber die Eignung der Beschäftigten für die Arbeit sicherstellen. Wer ein Verbrechen begangen hat oder wegen einer Straftat etwa gegen die sexuelle Selbstbestimmung, das Leben oder die persönliche Freiheit verurteilt wurde, gilt als nicht geeignet. „In den überwiegenden Fällen bei Gewalt in der Pflege gibt es keine klassische Täter-Opfer-Rollenverteilung“, sagt Kathrin Richter vom Präventionsteam der Polizei.

Eigentlich handele es sich bei beiden Beteiligten um „Opfer“, die aufgrund der schwierigen Bedingungen, von Überforderung oder psychischem Druck erst ungewollt zu „Aggressoren“ würden. Diese komplexe Dynamik macht deutlich, dass einfache Lösungen nicht ausreichen – vielmehr sind umfassende Schulungen, bessere Arbeitsbedingungen und kontinuierliche Präventionsarbeit notwendig, um Gewalt in der Pflege nachhaltig zu reduzieren.