Pflegenotstand in Mecklenburg-Vorpommern: Weniger Dienste bei steigender Hilfsbedürftigkeit
In Mecklenburg-Vorpommern verschärft sich die Situation in der ambulanten Pflege dramatisch. Während die Zahl der Pflegebedürftigen kontinuierlich steigt, müssen immer mehr Pflegedienste ihre Tore schließen. Diese besorgniserregende Entwicklung gefährdet die Versorgung von tausenden hilfsbedürftigen Menschen im nordöstlichen Bundesland.
Besorgniserregende Zahlen belegen die Krise
Die aktuellen Statistiken zeichnen ein alarmierendes Bild: Laut dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) ist die Zahl der ambulanten Pflegeleistungen in Mecklenburg-Vorpommern innerhalb von nur drei Jahren um zehn Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich die Gesamtzahl der aktiven Pflegedienste von 543 im Jahr 2023 auf 522 im Jahr 2025 verringert.
Besonders dramatisch: Die Zahl der Auszubildenden in der Pflege sank im vergangenen Jahr um sieben Prozent, während gleichzeitig die Zahl der Pflegebedürftigen um zwölf Prozent anstieg. Mittlerweile benötigen fast 140.000 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern pflegerische Unterstützung.
Hauptsächlich häusliche Pflege betroffen
Die Krise trifft vor allem jene, die in ihren eigenen vier Wänden gepflegt werden. Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) bestätigt, dass etwa 86 Prozent aller Pflegebedürftigen im Land zu Hause versorgt werden. Bei der Hälfte dieser Fälle übernehmen ausschließlich Angehörige die Pflege, während die andere Hälfte auf professionelle Hilfe angewiesen ist.
„Die Suche nach geeigneten Pflegediensten gestaltet sich insbesondere in ländlichen Regionen seit Jahren zunehmend schwieriger“, erklärt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Viele Anbieter nehmen keine neuen Patienten mehr auf oder es existieren in Wohnortnähe schlichtweg keine Pflegedienste mehr.
Gründe für den Rückgang der Pflegedienste
Der Paritätische Wohlfahrtsverband nennt mehrere Ursachen für den Rückgang ambulanter Pflegedienste. Unter seinem Dach sank die Zahl der Pflegedienste von 46 im Jahr 2023 auf aktuell 40 Einrichtungen.
Dieter Eichler, Landesgeschäftsführer des Paritätischen, betont: „Keiner dieser Dienste ist insolvent gegangen, wie häufig von Kranken- und Pflegekassen behauptet wird. Vielmehr wurden alle Einrichtungen frühzeitig geschlossen oder mit anderen zusammengelegt.“
Als Hauptgründe identifiziert Eichler:
- Unwirtschaftliche Rahmenbedingungen
- Lange Wege zwischen einzelnen Patienten
- Vorfinanzierungspflicht für tarifliche Personalvergütungen
- Akuter Fachkräftemangel
Zudem hätten Preissteigerungen zu einem Nachfragerückgang bei Leistungen der Pflegeversicherung geführt.
Kritik an politischem Versagen
Michael Beermann, Landesvorsitzender des bpa, übt scharfe Kritik an der Politik: „Obwohl der Bedarf an Pflege stetig steigt, müssen Pflegedienste schließen, die verbleibenden können weniger Leistungen erbringen und der Personalnachwuchs bleibt immer mehr aus. Die Politik hat es versäumt, diese Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und wirksam gegenzusteuern.“
Beermann fordert drei dringende Maßnahmen:
- Bürokratische Entlastung für Pflegedienste
- Schnelle und unkomplizierte Refinanzierungsmöglichkeiten
- Vereinfachter Einsatz internationaler Pflegekräfte durch Kompetenzvermutung
Diese Aufgaben sieht er sowohl bei der gegenwärtigen als auch bei der künftigen Landesregierung.
Krankenkassen fordern Attraktivitätssteigerung
Auch die Krankenkassen beobachten die prekäre Situation mit Sorge. Henning Kutzbach, Landesgeschäftsführer der Barmer, erklärt: „Fehlendes Personal bringt die ambulanten Pflegedienste an ihre Grenzen. Um insbesondere mehr junge Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern, muss das Handlungsfeld von Pflegefachpersonen deutlich erweitert werden.“
Kutzbach fordert ein bundesweit klar definiertes Berufsbild und einen verlässlichen Rechtsrahmen, der es Pflegepersonen ermöglicht, mehr Verantwortung zu übernehmen und auch ärztliche Aufgaben in der Wundversorgung oder bei bestimmten Medikationen zu übernehmen.
Gleichzeitig zählt der Kassenchef bereits existierende Gegenmaßnahmen auf:
- Verbesserung der Pflegeausbildung
- Vergütungssteigerungen für Pflegepersonal
- Spezielles betriebliches Gesundheitsmanagement
- Onboarding-Programme für neue Mitarbeiter
- Anwerbung ausländischer Pflegekräfte
Die Situation in Mecklenburg-Vorpommern verdeutlicht die bundesweite Krise im Pflegesektor und erfordert dringendes politisches Handeln, um die Versorgung hilfsbedürftiger Menschen langfristig zu sichern.



