Tag der Pflege in MV: Kritik an Schwerpunktsetzung des Landes
Tag der Pflege in MV: Kritik an Schwerpunktsetzung

Seit 1965 wird alljährlich am 12. Mai der Tag der Pflege begangen. Weltweit wird an diesem Tag gewürdigt, was Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, leisten. In Mecklenburg-Vorpommern stehen dagegen in diesem Jahr pflegende Angehörige im Fokus. Das Land wird erstmals an drei von ihnen die Landespflegemedaille vergeben. Zudem soll auf einem Landespflegekongress über „Sorgende Gemeinschaften“ diskutiert werden. Professionell Pflegende haben auf die entsprechende Ankündigung aus dem Sozialministerium unterdessen mit Kopfschütteln reagiert.

Laien leisten viel, aber es gibt drängendere Probleme

„Es ist super, was Laien in der Pflege leisten“, betont Jessica Mendle, eine der beiden Vorsitzenden des landesweiten Vereins Zukunftsfeste Pflege, „aber gerade hier in Mecklenburg-Vorpommern müsste jetzt doch über ganz andere, drängendere Probleme in Bezug auf die Pflege diskutiert werden“. Für die Pflegedienste und Heimbetreiber, die sich in dem Verein zusammengeschlossen haben, sind das zum Beispiel Probleme mit Sozialhilfeträgern. Immer mehr Menschen in MV seien auf die sogenannte Hilfe zur Pflege angewiesen, in stationären Einrichtungen bereits mehr als jeder Zweite. Doch die Bearbeitung entsprechender Anträge zieht sich in die Länge.

In einer Umfrage des Vereins gaben mehr als 70 Prozent der Pflegeanbieter an, dass ihre Klienten zwischen vier und sechs und mitunter sogar zwischen sechs und neun Monate auf einen Bescheid warten müssten, so die zweite Vorsitzende Mareen Buchholz. Genauso lange müssten auch die Leistungserbringer auf ihr Geld warten - eine Situation, die gerade für kleinere Unternehmen existenzbedrohend sei.

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Sozialämter lassen eigene Gutachten erstellen

Dazu kommt, dass die Sozialhilfeträger immer öfter Gutachten des Medizinischen Dienstes und Einstufungen der Pflegekassen in Zweifel ziehen und eigene Gutachter zu den Antragstellern schicken. Nicht nur, dass das die Betroffenen verunsichere, „man könnte sich dann ja auch den Medizinischen Dienst ganz sparen“, meint Jessica Mendle. Da das Land selbst den größeren Teil der Sozialhilfekosten für Pflegebedürftige trage, müsste es doch auch ein Interesse daran haben, dass Antragsverfahren vereinfacht und vor allem auch vereinheitlicht werden, meinen die Vorstandsmitglieder des Vereins, zu denen auch Jörg Heydorn gehört. Er erinnert daran, dass die Pflegeversicherung einst eingeführt wurde, um die Pflegebedürftigen und die Sozialhilfeträger zu entlasten.

Pflegeversicherung sollte einst Pflegearmut verhindern

Er sei damals Sozialamtsleiter in der Landeshauptstadt gewesen und hätte erlebt, dass diese Rechnung auch lange Zeit aufging, so Heydorn. Inzwischen aber seien sowohl die Kosten für Pflege als auch die der Sozialhilfe explodiert - und der Landesregierung falle wieder einmal nichts anderes ein, als auf den Bund zu verweisen und von ihm eine Pflegereform zu fordern. Dabei gäbe es auch Stellschrauben für das Land. Durch die Übernahme von Investitionskosten in Pflegeeinrichtungen könnte es die Kosten für Pflegebedürftige und damit auch für die Sozialhilfeträger spürbar senken.

Und auch im Hinblick auf die Ausbildung erntet das Land Kritik aus der Praxis. Gerade erst seien die Pflegeschulen darüber informiert worden, dass in MV die Einführung der bundeseinheitlichen Pflegeassistenz-Ausbildung um ein Jahr in den Spätsommer 2028 verschoben wurde, weiß Jessica Mendle. Dabei sei der Bedarf nicht nur an Pflegefach-, sondern auch an Assistenzkräften riesig - weil auch die Zahl der Pflegebedürftigen im Nordosten stetig wächst. Aktuell ist bereits jeder elfte Mensch in MV pflegebedürftig. Allein innerhalb der letzten Jahre hat sich die Zahl derer, die Pflege brauchen, mehr als verdoppelt – laut Barmer-Pflegereport von rund 67.000 im Jahr 2011 auf heute etwa 140.000. Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) zufolge werden 86 Prozent der Pflegebedürftigen im Nordosten zu Hause gepflegt, entweder allein von Angehörigen oder mit professioneller Unterstützung.

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