Ein 17-jähriger Jugendlicher aus Nürnberg berichtet offen über seine frühere Mediensucht. Jonas, wie er hier genannt wird, verlor während der Corona-Pandemie die Kontrolle über seine Computerzeit. „Die Leute hatten einfach Leerlauf – ich auch. Dann habe ich angefangen zu spielen“, erzählt er. Täglich verbrachte er viele Stunden vor dem Bildschirm, vernachlässigte Hobbys und soziale Kontakte. „Ich hatte keine Freunde. Meine Freizeit hat am Computer stattgefunden.“
Erst eine Therapie am Klinikum Nürnberg vor etwa eineinhalb Jahren half ihm, aus dieser Abwärtsspirale auszubrechen. Die Klinik bietet seit April 2023 eine eigene Sprechstunde für junge Mediensüchtige an. Psychologe Philipp Martzog erklärt: „Betroffen sind vorwiegend Jungen im Alter von 14 bis 15 Jahren.“ Besonders gefährdet seien Jugendliche mit ADHS, Depressionen, sozialen Ängsten oder solchen, die unter Mobbing oder schulischen Misserfolgen leiden. Bisher wurden etwa 80 junge Menschen mit riskantem Mediennutzungsverhalten behandelt, die meisten ambulant.
Risikofaktoren und Folgen
Ein riskantes Mediennutzungsverhalten liegt vor, wenn die Kontrolle über die Zeit am Smartphone, Computer oder an der Spielkonsole verloren geht, die Medienzeit den Alltag bestimmt und negative Konsequenzen in Kauf genommen werden. „Es werden Freunde vernachlässigt, die Schule und die Körperhygiene. Man putzt sich seltener die Zähne oder duscht weniger“, erläutert Martzog. Oft fehlt den Betroffenen die Einsicht; Eltern kommen nicht mehr an ihre Kinder heran. Auch Jonas hätte nie eine Therapie gemacht, wenn seine Mutter ihn nicht dazu gezwungen hätte. Noch immer ist er nicht vollständig überzeugt, dass er sie wirklich gebraucht hätte. „Ich habe das Computerspielen mehr wie ein Hobby betrieben, zwar wie ein extremes“, sagt er rückblickend. Allerdings räumt er ein, dass er nicht viel für die Schule getan habe.
Stationäre Reha als Modellprojekt
Chefarzt Erik Kolfenbach von der Klinik Schönsicht in Berchtesgaden bestätigt, dass meist Eltern ihre Kinder zur Therapie bringen. Die Klinik bietet ein sechswöchiges stationäres Programm für 12- bis 17-Jährige an, das gemeinsam mit der Berliner Charité entwickelt wurde. „Es kommen bislang eher Kinder aus der Mittel- und Oberschicht, wo die Eltern scheinbar eher für die Problematik sensibilisiert sind“, sagt Kolfenbach. Etwa 50 Jugendliche haben das Programm durchlaufen – zwei Drittel fielen durch Schulschwänzen auf, um zu zocken, zu scrollen oder zu streamen. „Die Jugendlichen haben oft heftige Auseinandersetzungen im Elternhaus“, so der Facharzt. Ein großes Problem der Mediensucht: Anders als bei einer Alkoholsucht ist nach der Therapie keine totale Abstinenz möglich, da die Gesellschaft durchdigitalisiert ist. Das erhöhe die Rückfallgefahr.
Therapie und Ausblick
In der Reha lernen die Jugendlichen, ihre Emotionen zu regulieren, Konflikte zu bewältigen und die Selbstkontrolle zu verbessern. Sport, Kunsttherapie und Töpfern sollen helfen, die Freizeit sinnvoll zu füllen. Jonas‘ Therapie dauerte drei Monate mit Einzelgesprächen und später wöchentlicher Gruppentherapie. „Gemeinsam haben wir uns ein Ziel gesucht, das jeder am Ende der Therapie erreichen möchte“, erklärt er. Sein Ziel: regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen. „Ich habe es persönlich geschafft, weniger Zeit vor dem Monitor zu verbringen, langsam und schleppend. Aber dann doch am Ende, indem mein Tag sich einfach Stück für Stück mit Verantwortung gefüllt hat.“ Heute hat er mehr Schulpflichten, einen Mini-Job und eine Freundin. Er zockt noch, aber nur „mal ein, zwei Spiele, aber keine acht Stunden am Stück mehr.“
Von einer Altersbeschränkung für Social Media, wie sie in Deutschland diskutiert wird, hält Jonas nichts: „Wer das umgehen möchte, wird einen technischen Weg finden. Aber politisch sieht das natürlich gut aus. Man setzt einen Haken unter das Thema.“ Die Experten Martzog und Kolfenbach sehen dagegen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Martzog fordert einen besseren Jugendschutz, da Kinder und Jugendliche ihren Medienkonsum nicht vollständig selbst regulieren könnten. Kolfenbach appelliert an die Eltern: „Die Kinder orientieren sich auch an Müttern und Vätern, die beim Frühstückstisch ins Handy gucken.“ Jonas hingegen glaubt: „Ich denke, dass sich das Problem bei vielen auch mit dem Alter löst.“



