Kritik: Charmante Besessenheit – 'Marty Supreme' mit Timothée Chalamet
Regisseur Josh Safdie bietet in 'Marty Supreme' geniale Unterhaltung, die wild, witzig, atemlos und intensiv zugleich ist. Doch warum funktioniert dieser Film so überzeugend? Adrian Prechtel | 25. Februar 2026 - 15:22 Uhr
Ein Held in ständiger Bewegung
Immer in Bewegung, tänzelnd, aber radikal konsequent dem Ziel entgegen: Timothée Chalamet verkörpert Marty Mauser, der es der Welt als Tischtenniss-Ass beweisen will. Es ist ein wilder, dynamischer Film, der die Zuschauer zweieinhalb Stunden lang fesselt und den Mund offen stehen lässt. Denn dieser Marty Mauser – ein talentierter, aber unterforderter Schuhverkäufer im Laden seines Onkels – ist ständig aktiv: in eleganter Bewegung, oft blitzschnell, doch nie atemlos, sondern spielerisch in seiner Jugendlichkeit. Dies zeigt sich nicht nur an der Tischtennisplatte, sondern in seinem gesamten Dasein.
Marty unterliegt einer ununterbrochenen Lebens- und Charakterprüfung, agiert als Jäger und Gejagter in New York. Die Stadt wirkt hier nie romantisch oder geborgen, sondern wie ein Gegner, der ihn herausfordert. Als abenteuerlicher Underdog-Robin Hood fühlt sich Marty 'supreme' und strebt nach oben, weg aus seinem jüdischen Brooklyner Kleinbürgermilieu hin zum Weltmeister-Siegertreppchen – ausgerechnet in einer Außenseitersportart. Doch Marty ist das egal; es geht ihm schlicht darum, der Beste zu sein, nicht um Ruhm oder Geld.
Der Amerikanische Traum als subtile Lüge
Josh Safdies 'Marty Supreme' könnte als klassischer 'American Dream'-Film gelten, frei inspiriert von der Figur des Tischtennisspielers Marty Reisman (1930-2012). Doch diesen angeblich klassenlosen Traum kann Marty Mauser nicht allein durch Talent und Leistung verwirklichen – eine permanente, subtile Gesellschaftskritik. Stattdessen rennt Marty in füchsischer Gewitztheit durch haarsträubende, brutale, erotische und chaotische Episoden: Falschspiel, Wettkampf, Sex, Selfmarketing, Manipulation, Charme, Trickbetrug, Erpressung und sogar Raub, wenn er seinen Cousin mit einer Knarre zum Öffnen des Geschäftstresors zwingt.
Marty hat gegen alle Chancen an sich selbst geglaubt, alles riskiert, sich demütigen lassen, stets getrickst und Leute benutzt. Dabei hinterlässt er einen moralischen Scherbenhaufen und diverse Blechschäden. Lieben wir ihn als Helden oder sind wir geschockt von seiner narzisstischen Rücksichtslosigkeit? Schillernderweise beides! Timothée Chalamet spielt diese Rolle Oscar-reif aus, während Regisseur Josh Safdie in jeder Sekunde Besessenheit, Lässigkeit, Genauigkeit und Freiheit spürbar macht.
Hart geprobt und doch niemals glatt
Alles wurde hart und akribisch geprobt, insbesondere die rasenden, akrobatischen Tischtennisszenen. Der deutsche Tischtennisstar Timo Boll, den Safdie unbedingt in einer Nebenrolle einbauen wollte, zollt Timothée Chalamet großen spielerischen Respekt. Doch bei aller Perfektion ist der Film niemals glatt; bizarre Einsprengsel durchbrechen die Dramaturgie, ohne sich zu verheddern. Immer neue Bälle werden aufgenommen und jongliert – wie in einer schwarzen Komödie um den entführten Hund eines Gangsters (Abel Ferrara) oder einer berechnenden Liebesaffäre Martys mit Gwyneth Paltrow als Hollywoodstar Kay Stone.
Kay Stone, deren Karriere schwächelte, ließ sich von einem Milliardär als Trophy-Wife heiraten und lebt nun in einem Goldenen Käfig. Ihr Ehemann, ein gnadenlos kapitalistischer Machtmensch (gespielt vom Trump-Fan Kevin O’Leary), könnte ein möglicher Sponsor für Martys Tischtenniskarriere sein – inklusive Reise zur Weltmeisterschaft in Japan. Die Politik bleibt dezent, aber klug im Hintergrund: Erst sieben Jahre nach dem Pazifikkrieg und dem Atombombenabwurf der USA wird das Match Marty Mauser gegen Koto Endo (Japan) zum Politikum, ohne an Subtilität zu verlieren.
Ein filmisches Meisterwerk der Kontraste
Josh Safdie scheut nicht davor zurück, Bizarres einzustreuen, wie eine Holocaustrückblende mit fast surrealen Christus-artigen Bildern, die in ihrer Bildgewalt unvergesslich bleiben. Am abrupten Ende sieht man zum ersten Mal Tränen – der Rührung, Ergriffenheit, Erschöpfung oder des Bewusstseins komplettem Scheiterns? Vielleicht alles zusammen, genau wie 'Marty Supreme' zweieinhalb Stunden wildeste, geniale Kinounterhaltung bietet. Besessenheit, Lässigkeit, Freiheit und Akribie vereinen sich in diesem Werk, das in Kinos wie Royal, Leopold, City, Mathäser, Astor im Arri, Cinema und Museum Lichtspiele zu sehen ist.



