„Les Misérables“ im Kino: Eine einzige Nacht als Wendepunkt
Wann verliert ein Mensch seine Menschlichkeit – und wie kann er sie zurückgewinnen? Diese zentrale Frage steht im Mittelpunkt von Éric Besnards Film „Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean“. Der Regisseur, bekannt für Werke wie „Die einfachen Dinge“, wagt sich an einen der berühmtesten Stoffe der Weltliteratur: Victor Hugos monumentalen Roman „Les Misérables“ („Die Elenden“). Statt das gesamte Epos erneut zu adaptieren, konzentriert sich Besnard auf die ersten 150 Seiten und einen einzigen, entscheidenden Moment.
Die Nacht, die alles verändert
Im Jahr 1815 kehrt Jean Valjean, gespielt von Grégory Gadebois, nach neunzehn Jahren Haft und Zwangsarbeit in die Freiheit zurück. Sein Vergehen: der Diebstahl eines Brotes. Das Leben voller Gewalt, Ungerechtigkeit, Misstrauen und Entbehrung hat aus ihm einen Mann voller Hass gemacht. Er irrt durch eine feindselige Welt, die ihn überall verstößt. Selbst in einem kleinen Dorf in der Provence wird ihm Zuflucht verwehrt.
Erst bei Bischof Bienvenu Myriel, dargestellt von Bernard Campan, findet Valjean unerwartet Aufnahme. Der Bischof lebt mit seiner Schwester, gespielt von Alexandra Lamy, und einer Dienerin, verkörpert von Isabelle Carré, in bescheidener Einfachheit. Doch die Jahre im Gefängnis haben Valjean tief geprägt, und sein Misstrauen sitzt fest verwurzelt. In einem Moment der Verzweiflung stiehlt er das Silberbesteck des Bischofs.
Eine Geste der Vergebung
Als die Gendarmen Valjean erwischen, reagiert Myriel auf eine Weise, die alles verändert: Er vergibt nicht nur, sondern schenkt Valjean sogar das Diebesgut. Der Bischof lässt sich von ihm versprechen, das Geld zu nutzen, um ein guter Mensch zu werden. Diese Nacht wird zum Wendepunkt – sowohl für Valjeans äußeres Leben als auch für seine innere Seele. Sie wirft die existenzielle Frage auf, was einen Menschen davon abhält, dem Bösen zu verfallen, und illustriert Myriels tiefe Überzeugung: „Jeder Mensch ist ein Arzt für den Menschen.“
Zum ersten Mal sieht Valjean die konkrete Chance auf einen neuen Weg – einen Pfad der Menschlichkeit statt des alten Hasses. Diese Begegnung steht im Zentrum des Films, fast wie ein stilles Kammerspiel, das von Misstrauen und Mitgefühl geprägt ist.
Reduktion als künstlerisches Stilmittel
Große Teile des Films spielen an wenigen, sorgfältig gewählten Schauplätzen. Lange Einstellungen, herrliche Nahaufnahmen und karge Landschaften spiegeln Valjeans inneren Zustand wider. Die Nüchternheit und die vielen Momente des Schweigens werden von einem herausragenden Ensemble getragen, das sehr zurückhaltend agiert und subtil Emotionen wie Wut, Ruhe und Angst darstellt.
Allerdings schwächen überstilisierte Rückblenden und allgegenwärtige Off-Stimmen stellenweise die emotionale Wirkung. Valjeans innerer Konflikt bleibt dadurch nur bedingt sichtbar. Dennoch überzeugt die grundlegende Idee: Statt sich auf Nebenfiguren wie Cosette, Javert oder Gavroche zu konzentrieren, zeigt Besnard jenen Moment, der Valjean zum Helden macht – eine einfache, aber mächtige Geste der Menschlichkeit, die ein Leben für immer verändert.
Wie Valjean am Ende des Films resümierend feststellt, ist die Geschichte eines Menschen immer auch die Geschichte der Menschen, die er trifft. Éric Besnards „Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean“ ist somit nicht nur eine Adaption, sondern eine tiefgründige Meditation über Vergebung, Neuanfang und die transformative Kraft menschlicher Begegnungen.



