Ein Abend voller musikalischer Intensität im Prinzregententheater
Eine betroffene Stille breitete sich im Prinzregententheater aus, als das Publikum das Gefühl hatte, einer Grablegung beigewohnt zu haben. Was war geschehen? Die ägyptische Sopranistin Fatma Said hatte gerade die Abschiedsarie „When I am laid in earth“ aus Henry Purcells Oper „Dido und Aeneas“ gesungen und die letzten Töne dieses hypnotischen Stückes berührend dahinscheiden lassen. Gemeinsam mit dem Dirigenten Stefano Montanari und dem Münchener Kammerorchester präsentierte sie ein Programm mit Werken von Purcell, Haydn und Schostakowitsch, das die Zuhörer in seinen Bann zog.
Die magische Verschmelzung von Sängerin und Rolle
Bei Fatma Said passiert regelmäßig das, was viele ihrer Kolleginnen und Kollegen nur versuchen können: Sie verschmilzt mit der Rolle bis zur Ununterscheidbarkeit. Erleichtert versicherte man sich beim tosenden Applaus, dass sich die soeben Verflossene in Wirklichkeit bester Gesundheit erfreute. In Joseph Haydns Kantate „Arianna a Naxos“, die eine mythologische Frauenfigur behandelt, die von ihrem Geliebten sitzengelassen wird, war die Identifikation schwerer, da Haydn auf Kantilenenseligkeit verzichtete und die dramatische Wahrhaftigkeit in den Vordergrund stellte.
Genau hier setzte Fatma Said an. Unerhört war die Fülle von kurzen Gesten, die durch ein zauberisches Flautando veredelt wurden, von subtilen Drückern, die selbst einzelne Töne belebten, und einer plastischen Deklamation, die momentweise bis zu einem stilisierten Sprechen reichte. All dies war eingebunden in die pure Stimmschönheit ihres sanften, substanzvollen, ebenholzfarbenen Soprans.
Das Münchener Kammerorchester unter Stefano Montanari
Das Münchener Kammerorchester begleitete den vielgliedrigen Monolog unter den Händen von Stefano Montanari geschmeidig, was angesichts der zahlreichen Tempowechsel und Unterbrechungen durchaus kein Leichtes war. Leider glättete die hier benutzte Orchestration die Kühnheiten des originalen Klavierparts, den Haydn oft zwischen Höhe und klobiger Tiefe aufspreizte. Auch irritierten die mitunter klebrige Phrasierung der Streicher und manche Schlieren in der Melodieführung, die dem gelernten Geiger Montanari in der Einstudierung kaum unabsichtlich unterlaufen sein dürften.
Vor dem Schlussakkord der Dido-Arie fügte Montanari eine übertrieben lang gehaltene Pause ein, sodass man glaubte, er wolle dem Stück sein Ende verweigern. Weder Purcell noch Haydn haben solche Effekte nötig, doch insgesamt überzeugte die Darbietung durch ihre emotionale Tiefe.
Stärken in Bach und Schostakowitsch
Stärker überzeugte, wie das Münchener Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach spielte. In der Symphonie Nr. 1 aus der kleinen Sammlung Wq 183 wurde durchgehend sorgsam artikuliert, nicht zuletzt von den fabelhaften Gast-Bläsern. Fiel hier passagenweise noch eine gewisse Widerstandsarmut des fast zu gut geölt laufenden Apparates auf, hatte solcher Oberflächenglanz bei Dmitri Schostakowitsch keinen Platz und wurde auch klug vermieden.
Die sogenannte Kammersymphonie op. 118a ist tatsächlich das Streichquartett Nr. 10, das von Rudolf Barshai für chorische Streicher arrangiert wurde. Abgesehen davon, dass diese Orchestrierung an neuralgischen Punkten offen sinnwidrig ist, kehrte das MKO hier zu einer schönen Idee zurück, die es einst unter der Ägide von Christoph Poppen verfolgte: Das Kammerorchester wurde verstanden als erweitertes Streichquartett, das gleichsam von innen zusammengehalten wurde.
Insgesamt bot der Abend im Prinzregententheater eine faszinierende Mischung aus technischer Präzision und emotionaler Wucht, die das Publikum nachhaltig beeindruckte.



