Buchenwald-Direktor warnt vor zunehmender politischer Instrumentalisierung des Gedenkens
Die Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar sieht sich mit einer wachsenden Herausforderung konfrontiert: extreme politische Gruppen instrumentalisieren den historischen Ort zunehmend für ihre eigenen Zwecke. Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, äußert sich besorgt über diese Entwicklung.
Weniger Überlebende, mehr politischer Missbrauch
„Wir haben im letzten Jahr schon erhebliche geschichtspolitische Verwerfungen rund um den Jahrestag erlebt und es ist leider Gottes überhaupt nicht besser geworden“, sagte Wagner. Je weniger Überlebende des NS-Terrors es gebe, die sich gegen eine Vereinnahmung wehren könnten, desto mehr würden Gedenkstätten zur Bühne aktueller politischer Auseinandersetzungen missbraucht.
Der Historiker betonte: „Politische Gruppierungen versuchen auf dem Rücken der Überlebenden und deren Angehörigen ihre eigenen politischen Zwecke und Ziele durchzusetzen.“ Als konkretes Beispiel nannte Wagner die Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ von linksradikalen und propalästinensischen Aktivisten, die zu Protesten während des Gedenkwochenendes zum 81. Jahrestag der Befreiung aufgerufen haben.
Kontroversen im Vorfeld des Gedenkens
Die Stadt Weimar lehnte die Aktion am Ettersberg im Bereich der Gedenkstätte ab und bot der Protestgruppe alternative Orte für ihre Demonstration an. Wagner warnte davor, dass durch solche politischen Debatten das eigentliche Thema des Gedenktages in den Hintergrund rücken könnte: „Dass es einer der letzten Gedenktage sein wird, an dem tatsächlich noch Überlebende mit ihren Familien hier sein werden.“
Bei der zentralen Gedenkveranstaltung am 12. April soll der Schauspieler Hape Kerkeling eine Rede halten, dessen Großvater in Buchenwald inhaftiert war. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will ein Grußwort halten, was im Vorfeld vereinzelt für Verstimmungen sorgte.
Zwei Buchenwald-Verbände forderten Weimer in einem offenen Brief auf, auf einen öffentlichen Auftritt zu verzichten. Sie begründeten das unter anderem mit Äußerungen von Weimer in der Vergangenheit. Bei den Verbänden handelt es sich um Zusammenschlüsse von Angehörigen ehemaliger politischer Häftlinge des Lagers.
Der Zentralrat der Juden, der israelische Botschafter Ron Prosor und mehrere Politiker stellten sich anschließend hinter Weimer. Auch Wagner betonte erneut, dass er den Auftritt Weimers als Vertreter der Bundesregierung begrüße.
Herausforderungen für die Erinnerungskultur
Die Gedenkstätte Buchenwald wird jährlich von Tausenden Menschen besucht und steht vor der schwierigen Aufgabe, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu bewahren, während gleichzeitig die Zahl der Zeitzeugen stetig abnimmt. Diese Entwicklung erleichtere es politischen Gruppen, die Erinnerung für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.
Wagner sieht in dieser Situation eine besondere Verantwortung für die Gedenkstätte: Sie muss nicht nur die historische Aufarbeitung vorantreiben, sondern auch aktiv gegen politische Vereinnahmung vorgehen. Die Balance zwischen würdigem Gedenken und Abwehr politischer Instrumentalisierung stellt eine der größten Herausforderungen für die Zukunft der Erinnerungskultur dar.



