Verschwundenes Monument: Großsteingrab bei Gützkow als Vorlage für Friedrichs Meisterwerk
Die anhaltende Faszination für den Romantik-Maler Caspar David Friedrich zeigt sich auch zwei Jahre nach seinem 250. Geburtstagsjubiläum ungebrochen. Tausende Besucher strömen weiterhin in die neue Galerie der Romantik im Pommerschen Landesmuseum, während spezielle Führungen regelmäßig ausverkauft sind und nun an jedem zweiten und vierten Sonnabend im Monat angeboten werden müssen. Selbst das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern widmete dem Künstler jüngst einen ungewöhnlichen Eintrag in seiner Rubrik „Fund des Monats“ – statt eines archäologischen Artefakts präsentierte es Friedrichs Ölgemälde „Hünengrab im Schnee“, das eigentlich im Albertinum in Dresden beheimatet ist.
Winterliche Szenerie mit historischem Hintergrund
Dr. Michael Schirren vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege begründet die Wahl zum „Fund des Monats“ mit der Darstellung eines „Wintertags wie gemalt“. Das Gemälde zeigt ein „Großsteingrab im Schnee, umgeben von hohen, blattlosen Eichen und umflogen von einigen Raben“. Entstanden um 1807, zählt es zu den ältesten Werken Caspar David Friedrichs. Die besondere Bedeutung liegt jedoch in der nachweisbaren Verbindung zur regionalen Geschichte: Mit großer Sicherheit befand sich das abgebildete Großsteingrab in der Nähe von Gützkow direkt an der Bundesstraße 111.
Architektonische Dokumentation eines verlorenen Denkmals
Der in Greifswald tätige Architekt Johann Gottfried Quistorp begleitete den Maler vor Ort und dokumentierte die Steinkonstruktion detailliert, wie sie kurz nach 1800 noch existierte. Seine Beschreibung überliefert präzise Maße: „Der große, etwa 12 Fuß lange, 7 Fuß breite, und 5 Fuß dicke obere Deckstein des Grabes ruhte auf vier, nur etwa einen Fuß hoch aus der Erde hervorstehenden Steinen, welche (wie bey solchen Gräbern gewöhnlich) unten tief in der Erde die vier Wände des Grabes bildeten. Die Grube war ganz mit dem Acker gleich, voll Erde, und der Zwischenraum zwischen dieser und der unteren Fläche des Decksteins so niedrig, daß ich, der ich schmal bin, nur mit Mühe unter durchkriechen konnte.“
Zerstörung historischer Großsteingräber im 19. Jahrhundert
Großsteingräber wie jenes bei Gützkow gehören zu den ältesten Monumenten ihrer Art und entstanden während der Jungsteinzeit vor etwa 5000 Jahren, als Menschen sesshaft wurden und mit Viehhaltung und Ackerbau begannen. Allein in Mecklenburg-Vorpommern entstanden weit über tausend solcher Anlagen. Johann Gottfried Quistorp berichtete jedoch auch vom traurigen Schicksal des Gützkower Monuments: Die Steine wurden später „weggesprengt und anderwärts verwendet“. Verantwortlich dafür war vermutlich der damalige Bürgermeister Johann Balthasar Pütter, der zwischen 1809 und 1818 die Sprengung des Steingrabes und dessen Nutzung als Baumaterial anordnete.
Dieses Schicksal ereilte im 19. Jahrhundert zahlreiche Großsteingräber in Pommern. Das Kulturlandschaftselemente-Kataster verzeichnet in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Großsteingrab bei Gützkow sogar einen Steinschlägerplatz, wo große Steine und Findlinge für den Bau von Häusern, Kirchen, Molen, Stadtmauern und Straßenpflaster zerteilt wurden.
Künstlerische Freiheit und dokumentarische Genauigkeit
Die drei kahlen Eichen, die auf dem Ölgemälde das Hünengrab umgeben, hat Caspar David Friedrich wohl künstlerisch hinzugesetzt. „Denn auf den zeitlich vorangegangenen Skizzen ist die Umgebung des Hünengrabes noch baumlos“, erklärt Michael Schirren. In einem Skizzenbuch des Malers, das im Sommer 2024 für 1,8 Millionen Euro versteigert wurde, finden sich Zeichnungen von Bäumen, die denen auf dem Gemälde stark ähneln. Tatsächlich übernahm Friedrich mehrere Motive aus diesem Skizzenbuch in seine Bilder, darunter auch eine Eiche für das „Hünengrab im Schnee“.
Das Gemälde verbindet somit auf einzigartige Weise dokumentarische Genauigkeit mit künstlerischer Interpretation und bewahrt das Bild eines historischen Monuments, das physisch längst verschwunden ist. Es steht als Zeugnis für die Verknüpfung von Archäologie, Regionalgeschichte und bildender Kunst in der Romantik.



