Rettungsaktion für historischen Stammbaum in Dedelow gewinnt an Dynamik
Rettungsaktion für historischen Stammbaum in Dedelow

Rettungsaktion für außergewöhnlichen Stammbaum nimmt Fahrt auf

Fast wäre der Transport des Gemäldes aus der Dedelower Kirche an der Tür im Glockenturm gescheitert. Doch mit viel Gefühl und ganzem Körpereinsatz brachten Sebastian Schulz und Marlon Anders von der Ortswehr gemeinsam mit Restaurator Dirk Jacob den gewaltigen Stammbaum unbeschädigt ins Zwischenlager. Der Wechsel des Prenzlauer Beigeordneten Dr. Andreas Heinrich in den Ruhestand erweist sich für das kunstvoll gemalte Werk als Glücksfall, nachdem es von der Wand gestürzt war.

Kraftvolle Helfer für ein monumentales Kunstwerk

Um ein Bild von 3,5 Metern Höhe und 2,5 Metern Breite zu transportieren, braucht es kräftige Helfer. Diese fanden sich zum Glück für den vom Prenzlauer Maler Friedrich Philipp im Jahr 1854 auf Leinwand gemalten Stammbaum der Dedelower Herrschaftsfamilie von Klützow. Das wertvolle Stück war von der Wand des Glockenturms der Dorfkirche gestürzt und benötigte dringend einen geschützten Platz. Mit Restaurator Dirk Jacob balancierten Kameraden der Ortswehr das auch ohne Schmuckrahmen immer noch gewichtige Kunstwerk aus dem Turm, fuhren es in ihrem Pritschenwagen durchs Dorf und legten es behutsam an seinem Zwischenlager in der Schule ab.

Sammlung zum Abschied als Initialzündung

Die Aktion angestoßen hatte Dr. Andreas Heinrich, der eng mit dem größten Ortsteil Prenzlaus verbunden ist. Dies hängt mit den Bewohnern und ihrer Geschichte zusammen sowie mit seiner beruflichen Vergangenheit, in der er von Amts wegen für die Entwicklung der Stadt Prenzlau und ihrer Ortsteile verantwortlich war. Selbst als frischgebackener Ruheständler zieht er sich nicht zurück aufs Altenteil. Seit er im Dezember 2024 vom Missgeschick des Gemäldes erfahren hatte, wandte er viel Zeit und Kraft auf, um Mitstreiter zu gewinnen. Viele wissen, dass Prenzlaus Vize-Bürgermeister zu seiner Verabschiedung eine Sammlung zur Restaurierung des Leinwandbildes startete. Diese ist inzwischen auf einem guten Weg, aber nur eine Position für notwendige 15.000 Euro zur Restaurierung des Bildes. An den Kosten beteiligen sich auch Kirchengemeinde und Kirchenkreis Uckermark sowie die Stiftung Maßwerk. Der Landkreis Uckermark prüft, über die Denkmalpflegerichtlinie das Vorhaben zu unterstützen.

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Letzte Wurzeln eines gebeutelten Ortes

Nicht alle im Dorf verstehen den Aufwand für ein altes Gemälde eines weithin unbekannten Malers. Zudem gehörten die von Klützows rund 500 Jahre zum uckermärkischen Landadel, der bei den Untertanen selten beliebt war. Und warum soll ein Stammbaum, also die Abbildung der Blutsverwandtschaft der Herrschenden, ausgerechnet an solch präsentem Ort wie der Kirche gezeigt werden? Verständlich, dass es Diskussionen gab, bevor zum Beispiel der Gemeindekirchenrat der Sanierung zustimmte. Für Denkmalpfleger und Kulturhistoriker steht außer Frage, dass solche Zeitzeugen bewahrt werden müssen. Heinrich betont noch einen anderen Aspekt.

Nicht um die Huldigung einer Gutsfamilie, die die Menschen ausgebeutet habe, gehe es ihm. „Sondern um die Bewahrung der letzten Reste an kulturhistorischen Wurzeln, die dieser gebeutelte Ort noch hat“, verweist er auf Dedelows jüngere Geschichte. Zum Kriegsende 1945 verbrannte das 1850 vom preußischen Baumeister Johann Christian Cantian nach Schinkel-Vorlagen im Tudorstil errichtete Schloss, die Reste wurden geplündert. Der Stammbaum überstand das Feuer nur, weil er zuletzt im Kirchenchor aufbewahrt war. Auch das von Baumeister Cantian errichtete Mausoleum für die von Klützows neben der Kirche wurde Opfer. Von Augenzeugen ist bekannt, dass es von russischen Soldaten aufgebrochen wurde, die Eichensärge mit den Gebeinen zerstört und die Zinkwannen entfernt wurden. Letztere benutzten sie zum Wäschewaschen im Quillow.

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Einzigartiges Dokument der Genealogie

Der Dedelower Stammbaum derer von Klützow soll restauriert werden. Das Leinwandgemälde des Prenzlauer Malers Friedrich Philipp von 1854 gilt als einzigartiges Dokument der genealogischen Darstellung eines kleinen Adelshauses. Zudem gibt ein Metallschild auf der Rückseite die historischen Quellen an, die zur Erforschung des Stammbaumes genutzt wurden. Über die Ortsgeschichte gibt es schriftliche Quellen, wie die von Pfarrer Geert Dobbermann von 1977 oder die Forschungen von Ortschronistin Maren Wolff. Sie hebt im jüngsten Mitteilungsheft des Uckermärkischen Geschichtsvereins den Stammbaum der Klützows als Besonderheit in der Kunstlandschaft Brandenburgs hervor. „Eine solch aufwändige und große Darstellung einer Genealogie eines relativ kleinen Adelshauses lässt sich nur selten finden.“

Vom Schloss nur noch Fundamentreste

Über die Schriften hinaus sind kaum noch gegenständliche Dedelower Zeugen zu finden. So wie das Nagelkreuz von 1914 – ein mit Nägeln gerahmtes „Eisernes Kreuz“ zur Erinnerung an die Kriegsteilnehmer – oder die Tafeln mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges und die beiden zum Stammbaum gehörenden Wappenschilder. Vom Schloss selbst existieren nur noch Fundamentfragmente. In der Sammlung der fast 1000 Lithografien, die der Verleger Alexander Duncker im 19. Jahrhundert veröffentlichte, befindet sich auch die Ansicht von etwa 1870 von Schloss Dedelow. Sie zeigt das neue Schloss, das kleine Gutshaus sowie im Hintergrund Kirche und Mausoleum.

Hoffnung auf einen glücklichen Abschluss

Andreas Heinrich ist froh, dass das Rettungsprojekt Fahrt aufnimmt. Das Gemälde war Ende März 1995 zur 675-Jahrfeier Dedelows vom Dachboden der Kirche geholt und ausgestellt worden. Danach wurde es im Glockenturm aufgehängt, unsichtbar für die Besucher. Ende 2024 löste sich die Wandhalterung, beim Sturz wurde vor allem die Leinwand beschädigt. Seit 14 Monaten harrt es am trockenen Ort auf Erneuerung. „Dank vieler Menschen und etlicher Institutionen ist endlich abzusehen, dass auch dieses Dokument den Dedelowern und der uckermärkischen Geschichte erhalten bleiben wird. Jetzt fällt es leichter, auf den glücklichen Abschluss zu warten“, sagt Heinrich.