Indische Autorin zieht Teilnahme an Berlinale zurück
Die renommierte indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat überraschend ihre Teilnahme an der diesjährigen Berlinale abgesagt. Die 64-jährige Autorin begründete diesen Schritt mit ihrer Kritik an Aussagen von Mitgliedern des Festival-Jurys zum Nahostkonflikt.
Politische Differenzen als Auslöser
„Mit großem Bedauern muss ich mitteilen, dass ich nicht an der Berlinale teilnehmen werde“, erklärte Roy in einem offiziellen Statement, das über ihren Verlag verbreitet wurde. Als konkreten Anlass nannte sie die aus ihrer Sicht „unerhörten Aussagen“ von Jurymitgliedern, nachdem diese aufgefordert worden waren, sich zum Gazakrieg zu positionieren.
Die Kontroverse entzündete sich bereits am Eröffnungstag des Filmfestivals, als ein Journalist die Jury auf den Nahostkonflikt ansprach. Der Journalist warf der Berlinale vor, sich selektiv mit Menschenrechtsfragen zu befassen – sich mit Menschen im Iran und in der Ukraine solidarisiert zu haben, nicht aber mit palästinensischen Menschen.
Jury weicht politischer Diskussion aus
Die Reaktion der Jury fiel zurückhaltend aus. Jurypräsident Wim Wenders betonte, Filmschaffende müssten sich aus der Politik heraushalten und seien vielmehr ein Gegengewicht zur Politik. „Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker“, so Wenders.
Jurymitglied Ewa Puszczyńska verwies auf die Komplexität der Fragen, während die Berlinale selbst sich nicht explizit zu den Vorwürfen äußerte.
Roy kritisiert Entpolitisierung der Kunst
Für Arundhati Roy stellen diese Positionierungen ein grundsätzliches Problem dar. „Zu hören, dass Kunst nicht politisch sein solle, sei schockierend“, schrieb die Autorin in ihrer Erklärung. Sie kritisierte, dass damit eine Diskussion über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterbunden werde, obwohl es sich gerade in Echtzeit vor unseren Augen abspiele.
Roy betonte: „In einer Zeit, in der Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um es zu stoppen“, sei eine Entpolitisierung der Kunst nicht hinnehmbar.
Hintergrund der Autorin und geplante Teilnahme
Arundhati Roy zählt zu den bedeutendsten literarischen Stimmen Indiens. Für ihren Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ erhielt sie 1997 den renommierten Booker-Preis. Bei der Berlinale sollte in der Reihe „Classics“ der Film „In Which Annie Gives It Those Ones“ aus dem Jahr 1989 gezeigt werden, in dem Roy damals nicht nur mitspielte, sondern auch das Drehbuch verfasste.
Die Absage der Autorin wirft grundsätzliche Fragen nach der politischen Verantwortung von Kunstschaffenden und kulturellen Institutionen auf. Während Israel und die Bundesregierung bestreiten, dass im Gazastreifen ein Völkermord stattfindet, läuft vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag eine entsprechende Klage Südafrikas gegen Israel.



