Ein fast vergessener DEFA-Klassiker: 'Die Schlüssel' und seine turbulente Geschichte
In den frühen 1970er-Jahren entstand unter der Regie von Egon Günther der DEFA-Film 'Die Schlüssel', der bis heute nur wenigen Filmkennern ein Begriff ist. Mit Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz in den Hauptrollen hätte dieser Streifen das Potenzial gehabt, ein Meilenstein des ostdeutschen Kinos zu werden. Doch stattdessen wurde er von der Zensur beinahe zerstört und erlebte eine äußerst begrenzte Veröffentlichung.
Zensur in zwei Ostblock-Staaten behinderte die Verbreitung
Nicht nur die DDR-Zensurbehörden, sondern auch polnische Kulturpolitiker nahmen 'Die Schlüssel' genau unter die Lupe. Wie der Filmwissenschaftler Philipp Zengel von der DEFA-Stiftung recherchierte, führte diese doppelte Prüfung zu massiven Eingriffen in das Werk. Zahlreiche Szenen wurden stark gekürzt oder fielen der Schere komplett zum Opfer. Darunter befand sich eine Sequenz an der Krakauer Marienkirche mit dem polnischen Bischof Stefan Wyszyński, der in seiner Heimat als 'Unperson' galt.
Auch Aufnahmen eines Konzerts des umstrittenen Rockstars Czesław Niemen wurden entfernt. Besonders signifikant war die Eliminierung einer Szene, in der die Figur Klaus von zwei Polen vor eine Gedenktafel für im Zweiten Weltkrieg ermordete Landsleute gezerrt wird. Diese Kürzungen verdeutlichen die politische Brisanz des Films, die sich vor allem um das deutsch-polnische Verhältnis und die Gleichberechtigung der Geschlechter drehte.
Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz in frühen Karrierephasen
Für Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz markierte 'Die Schlüssel' eine wichtige Phase in ihren aufstrebenden Karrieren. Hoffmann, die bereits in mehreren DEFA-Filmen wie 'Der Dritte' (1971) mitgewirkt hatte, lieferte in diesem Werk einen grandiosen Monolog zur Gleichberechtigung ab. In einer leeren Straßenbahn richtet sie die Worte an ihren Filmpartner: 'Hochstehen wirste eines Tages und ich werde immer und immer und ewig und drei Tage lang Arbeiterin bleiben.'
Jaecki Schwarz, der zuvor in 'Ich war neunzehn' (1968) zu sehen war, komplettierte das Duo. Beide Schauspieler hatten sich bereits 1969 in dem Roadmovie 'Weite Straßen – stille Liebe' an der Seite von Manfred Krug getroffen. Ihre Chemie vor der Kamera trug maßgeblich zur Authentizität des Films bei, der viel Raum für Improvisationen ließ.
Historischer Kontext und filmische Innovationen
Die Entstehung von 'Die Schlüssel' fiel in eine Zeit, als sich Polen und Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg noch mit Misstrauen und Feindschaft begegneten. Erst die Machtwechsel in beiden Ländern – Edward Gierek löste 1970 Władysław Gomułka in Polen ab, Erich Honecker gewann 1971 den Machtkampf gegen Walter Ulbricht in der DDR – ermöglichten eine Annäherung. Ab 1972 war sogar der visafreie Grenzverkehr zwischen der DDR und Polen möglich.
Regisseur Egon Günther nutzte diese neue Offenheit für einen fast revolutionären Regiestil. Mit realen Drehorten in Krakau und Stettin, improvisierten Szenen, dynamischer Kameraführung und natürlichem Licht schuf er ein Werk, das der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź als Paradebeispiel einer 'dekretierten Neuen Welle' in der DDR-Kinematographie bezeichnete. Das Drehbuch von Helga Schütz, Günthers damaliger Lebensgefährtin, bot die ideale Grundlage für diese innovative Herangehensweise.
Begrenzte Premiere und anhaltende Schwierigkeiten
Nach eineinhalb Jahren Verzögerung feierte 'Die Schlüssel' am 21. Februar 1974 im Berliner Kino International Premiere. Doch selbst nach dieser offiziellen Freigabe blieb der Film ein Schattendasein. Es wurden nur wenige Kopien angefertigt, sodass er längst nicht in allen Kinos der DDR zu sehen war. Eine Exportsperre verhinderte Vorführungen im Ausland, darunter eine geplante Präsentation bei der Viennale 1974 und eine Lizenzierung in die Bundesrepublik Deutschland.
Im DDR-Fernsehen lief der Film nie, und als der visafreie Reiseverkehr zwischen Polen und der DDR gestoppt wurde, durfte er gar nicht mehr gezeigt werden. Die Filmkritik in der DDR äußerte sich überwiegend skeptisch bis ablehnend, wobei sich die Rezensenten laut Zengel 'fast ausnahmslos an dramaturgischen und formal-ästhetischen Aspekten' abarbeiteten. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den brisanten Themen des Films wurde so geschickt umgangen.
Das Vermächtnis eines fast vergessenen Films
Heute ist 'Die Schlüssel' in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar und erlebt eine späte Wiederentdeckung. Für Jutta Hoffmann, die 2017 den Deutschen Schauspielerpreis erhielt und sich mittlerweile aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, sowie für Jaecki Schwarz, der später in Serien wie 'Ein starkes Team' Erfolge feierte, bleibt dieser Film ein wichtiger Meilenstein. Er steht exemplarisch für die kreativen Kämpfe, die DEFA-Regisseure wie Egon Günther gegen die Zensurbehörden führten, und für die komplexen deutsch-polnischen Beziehungen in der Zeit des Kalten Krieges.



