Hamburger Lessingtage: Milo Rau inszeniert fiktiven Prozess gegen die AfD
Der renommierte Schweizer Regisseur Milo Rau hat erstmals eines seiner spektakulären fiktiven Gerichtsverfahren nach Deutschland gebracht. Im Rahmen der Hamburger Lessingtage eröffnete er am Abend im Thalia Theater ein dreitägiges Theaterprojekt, das sich mit der Frage eines möglichen Verbots der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) auseinandersetzt. Die Premiere der ungewöhnlichen Inszenierung wurde vom Publikum mit viel Applaus bedacht.
Ein künstlerischer Prozess mit realen Juristen und Experten
Unter dem Titel „Prozess gegen Deutschland“ findet keine konventionelle Theateraufführung mit Schauspielern statt. Stattdessen debattieren an diesem Wochenende rund 30 echte Expertinnen und Experten sowie Juristinnen und Juristen auf der Bühne. Den Vorsitz führt die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), die dem fiktiven Verfahren eine besondere Authentizität verleiht.
Zu den prominenten Teilnehmern gehören die ehemalige AfD-Chefin Frauke Petry, die parteilose Ex-AfD-Abgeordnete Joanna Cotar sowie der Publizist Harald Martenstein. Als Prozessberichterstatter fungieren Reporter des Hamburger Abendblatt, während das Geschehen parallel live auf der Website des Theaters übertragen wird.
Politische Brisanz und gesellschaftliche Relevanz
Milo Rau stellte zu Beginn die zentralen Fragen: „Was genau ist die Alternative für Deutschland, die uns die AfD anbietet? Wollen wir diese Alternative, und falls nicht: Sollen wir sie dann nicht verhindern?“ Der Regisseur verwies dabei auf die Möglichkeit eines Verbots durch den Rechtsstaat.
Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) betonte in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung des Projekts: „Ich hoffe, dieser Prozess wird uns helfen, uns der Bedeutung und der Schutzwürdigkeit unserer Demokratie neu zu versichern.“
Die Inszenierung trifft auf eine hochaktuelle politische Debatte. In Berlin wird seit langem über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren diskutiert, das auch in den anstehenden Landtagswahlkämpfen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern eine Rolle spielen dürfte. Während SPD und Grünen eine Prüfung befürworten, warnt die Union vor möglichen politischen Vorteilen für die AfD.
Hintergrund: Verfassungsschutz und rechtliche Verfahren
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte die AfD bereits als gesichert rechtsextrem eingestuft. Diese Bewertung ruht jedoch derzeit aufgrund einer Stillhalte-Zusage im Zusammenhang mit einem laufenden Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Köln, das für den weiteren politischen Prozess als entscheidend angesehen wird.
Die Hamburgische Bürgerschaft hatte den rot-grünen Senat kürzlich aufgefordert, sich im Falle einer gerichtlichen Bestätigung der Einstufung für die Einrichtung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe einzusetzen, die den Weg zu einem Verbotsverfahren ebnen soll.
Der Macher: Milo Rau und seine kontroversen Projekte
Der vielfach preisgekrönte Theatermacher Milo Rau, seit 2023 Intendant der Wiener Festwochen, hat das Format der fiktiven Gerichtsverfahren zu seiner künstlerischen Marke entwickelt. Der studierte Soziologe und selbsternannte Linksradikale vermischt dabei bewusst Kunst und Wirklichkeit.
In Wien prozessierte Rau bereits gegen die rechtspopulistische FPÖ, in Russland initiierte er 2013 die „Moskauer Prozesse“ und 2015 versammelte er in der Demokratischen Republik Kongo 60 Zeugen und Experten zum „Kongo Tribunal“. Seine kontroverse Haltung zeigte sich auch 2017, als er mit einem Widerstandsaufruf gegen israelische Militäraktionen Teile der österreichischen Kulturszene gegen sich aufbrachte.
Weitere Themen und Abschluss des Projekts
Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt betonte Rau den globalen Ansatz seines Vorhabens: „Wir beobachten das in vielen Ländern: Der Trend geht weg von der liberalen, institutionellen Demokratie zur autokratischen Tech-, Gas-, Öl-, Agrar- bzw. Oligarchie. Dem wollen wir auf den Grund gehen.“
An den folgenden Theaterterminen in Hamburg werden weitere gesellschaftspolitische Fragen behandelt, darunter am Sonnabendnachmittag die Debatte über ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren. Für die Schlussreden bei der letzten Sitzung am Sonntagnachmittag sind Frauke Petry und der TV-Moderator sowie Performance-Künstler Michel Abdollahi (CDU) angekündigt.
Eine eigens zusammengestellte Hamburger Geschworenenjury wird nach Abschluss der Debatten ein Urteil fällen. Das Gastspiel beschließt die Hamburger Lessingtage, ein internationales politisch ausgerichtetes Kunstfestival unter Leitung von Matthias Lilienthal, dem designierten Intendanten der Berliner Volksbühne.
Für Recherche, Casting und Dramaturgie zeichnen Mia Massmann und Robert Misk verantwortlich, die das komplexe Projekt mit großer Sorgfalt vorbereitet haben. Die dreitägige Inszenierung verspricht nicht nur theatrales Spektakel, sondern auch substanzielle politische Auseinandersetzung in ungewöhnlicher Form.



