Der Blaue Reiter im Lenbachhaus: Frischer Wind für eine legendäre Künstlergruppe
Die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München hat ihre Dauerausstellung zum Blauen Reiter grundlegend neu konzipiert. Unter dem Titel "Über die Welt hinaus" präsentiert sich die legendäre Künstlergruppe nun in einer erfrischenden Neuaufstellung, die neben den bekannten Ikonen auch viele weniger bekannte Positionen würdigt.
Ein eigener Saal für Gabriele Münter
Das Herzstück der neuen Präsentation bildet ein eigener Saal, der der Künstlerin Gabriele Münter gewidmet ist. Diese Ehrung kommt spät, aber nicht zu spät: Ohne Münters großzügige Schenkung von 1957, bei der sie über 1000 Werke des Blauen Reiters übergab – darunter 90 Ölgemälde von Wassily Kandinsky – wäre das Lenbachhaus kein Museum von internationalem Rang. Die Mini-Retrospektive zeigt ihr Schaffen in allen wichtigen Facetten, von der "Sinnenden" aus dem Jahr 1917 bis zu eigenwilligen Baustellenszenen aus den 1930er Jahren.
Neue Perspektiven auf bekannte Meisterwerke
Die Ausstellung verschiebt den Fokus von der Gruppendynamik hin zu den starken Einzelpersönlichkeiten. Während Ikonen wie Franz Marcs "Kühe, rot, grün, gelb" (1911) oder Kandinskys "Improvisation Sintflut" (1913) natürlich nicht fehlen dürfen, werden sie nun in neuen Kontexten präsentiert. Besonders bemerkenswert ist die Gegenüberstellung mit weniger bekannten Künstlern wie dem Schweizer Jean-Bloé Niestlé, dessen Tierdarstellungen einen faszinierenden Dialog mit Marcs Werk eingehen.
Wiederentdeckungen und vergessene Positionen
Die Neuaufstellung macht deutlich, dass der Blaue Reiter nie einen einheitlichen Stil pflegte. Neben den fortschreitenden Abstraktionen finden sich auch realistische und neoimpressionistische Positionen. Wiederentdeckt werden Künstler wie:
- Wilhelm Morgner mit seiner "Ornamentalen Komposition XV"
- Emmy Klinker, die dem Urbanen einen surrealen Touch verlieh
- Maria Franck-Marc, deren experimentelle "Blumen und gelbe Disteln" von 1913 nun gewürdigt werden
Internationalismus und Grenzüberschreitungen
Der Titel der Ausstellung zitiert die Poetin Else Lasker-Schüler und verweist auf den radikalen Internationalismus der Gruppe. Wie im Almanach von 1911 formuliert, kannte ihre Kunst weder Grenzen noch Völker, sondern nur die Menschheit – eine Haltung, die in Zeiten wiedererstarkender Nationalismen aktueller denn je erscheint. Dies zeigt sich auch in Werken wie Alexej von Jawlenskys Porträt des Tänzers Alexander Sacharoff, das mit seiner geschlechterübergreifenden Darstellung konventionelle Rollenbilder in Frage stellt.
Die dunklen Jahre und die Rettung der Kunst
Die Ausstellung thematisiert auch die Zeit des Nationalsozialismus, als mit Franz Hofmann ein NSDAP-Mitglied die Leitung des Lenbachhauses übernahm und bereits 1936 „unmögliche Werke“ entfernen ließ. Umso bedeutender erscheint Gabriele Münters mutige Entscheidung, Kandinskys Werke vor den Nazis zu verstecken – eine Tat, die das Überleben dieser Kunst erst ermöglichte. Restitutionsfälle wie Paul Klees wiederangekaufte "Sumpflegende" werden ebenfalls thematisiert.
Eine inspirierende Neueinrichtung
Die kluge und inspirierende Neueinrichtung zeigt den Blauen Reiter als eine Bewegung, deren Prinzipien bis heute Gültigkeit besitzen. Die kraftvollen Farben, die Reduktion auf klare Formen und der unbedingte Wille zur künstlerischen Freiheit machen diese Werke zeitlos. Die Ausstellung lädt dazu ein, die Vielfalt dieser außergewöhnlichen Künstlergruppe neu zu entdecken – von den bekannten Meisterwerken bis zu den überraschenden Wiederentdeckungen.
"Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter" ist bis zum 5. September 2027 im Lenbachhaus zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.



