Wokey Wokey: Der satirische Höhepunkt einer Trilogie
In den Münchner Kammerspielen feiert Nora Abdel-Maksoud mit Wokey Wokey einen weiteren triumphalen Erfolg. Das Stück markiert den fulminanten Abschluss ihrer vielbeachteten Trilogie, die 2021 mit Jeeps begann und 2024 mit Doping fortgesetzt wurde. Abdel-Maksoud, die ihre Komödien stets im engen Austausch mit ihren Ensembles entwickelt und selbst inszeniert, trifft erneut den Nerv der Zeit.
Eine Regisseurin im Strudel der Positionierung
Im Zentrum der Handlung steht Regisseurin Gordon, gespielt von der brillanten Johanna Eiworth. Sie verkündet dem Publikum, dass ihr ambitioniertes Projekt – eine Musical-Neuverfilmung von George Orwells dystopischem Roman 1984 – gescheitert ist. „Links, rechts, Tomato, Tomahto“, ruft sie aus und lehnt jede ideologische Festlegung ab. Diese strategische Weigerung, Stellung zu beziehen, erweist sich jedoch als ebenso problematisch wie die polarisierten Debatten, die sie vermeiden möchte.
Gordon präsentiert dem Publikum ein Making-Of des gescheiterten Filmprojekts, wobei das Bühnenbild von Moïra Gilliéron geschickt cineastische Perspektiven eröffnet. Der Bildausschnitt kann sich erweitern oder verengen – eine Metapher für die Fragilität von Standpunkten in einer Zeit, in der der „woke Bruder aus der linken Blase“ als omnipräsente Gedankenpolizei fungiert.
Ein Ensemble zwischen Slapstick und subtiler Gefahr
Das vierköpfige Ensemble, das Gordon für ihr Projekt rekrutiert hat, entfaltet eine beeindruckende Bandbreite an Charakteren:
- Günni (Vincent Redetzki) und Lennart (Maren Solty) präsentieren sich als „pansexuelle, neurodivergente intersektionale Feministen“ auf Instagram, hegen aber unterschwellig rechte Tendenzen. In ihren Anzügen erinnern sie an die Killer aus Pulp Fiction.
- Birgit (Eva Bay) verkörpert die fragile Würde einer Diva, deren gespielte Tränen nicht mehr gelingen wollen. Beunruhigend komisch verheddert sie sich in Sätzen, die sich als Zitate von Björn Höcke entpuppen.
- Ulli (Stefan Merki), ausgestattet mit Clark-Gable-Bärtchen, wird von Gordon als „erstes Opfer deutscher Cancel Culture“ bezeichnet. Der ältere weiße Mann unter Generalverdacht bemüht sich um untoxisches Verhalten, scheitert aber bereits an der Aussprache von „LGBTQIA+“.
Nora Abdel-Maksoud bombardiert ihr Publikum mit einer Flut von Ansichten, Anspielungen und Pointen, die den Kopf zum Schwirren bringen. Im Chaos von Pleiten, Pech und Drehpannen verliert man schnell den Überblick – genauso wie die Protagonisten auf der Bühne.
Gefährliche Untertöne hinter der Komödiantik
Die Figuren bei Abdel-Maksoud sind „ein bisschen doof“, doch ihre Haltungen zu Gott und der Welt bergen ernste Gefahren, die weit über das Komödiantische hinausreichen. Eine herzhafte Schlägerei unterbricht den Wortstrom, und ein Crewmitglied namens Benni muss – ähnlich wie Kenny in South Park – immer wieder sterben. Doch vieles, insbesondere die Ressentiments, erweist sich als unausrottbar.
Die Dramaturgie folgt einem episodischen Rhythmus, Szene jagt Szene, Witz folgt auf Aberwitz. Das Ensemble beherrscht den atemlos fordernden Ablauf perfekt (Choreographie: Johanna Lemke), und irgendwann findet sich das Publikum gemeinsam mit den Darstellern im Flow wieder.
Ein Hit mit Wiederholungspotenzial
Wokey Wokey bestätigt Nora Abdel-Maksouds Ruf als eine der schärfsten satirischen Stimmen des deutschen Theaters. Das Stück entlarvt die Absurditäten des modernen Kulturkampfs, ohne sich auf einfache Schuldzuweisungen zu reduzieren. Beim ersten Besuch entgeht dem Zuschauer so viel, dass eine Wiederholung fast zwingend erscheint – ein sicheres Zeichen für einen nachhaltigen Theatererfolg.
Die nächsten Aufführungen in den Münchner Kammerspielen finden am 1., 8., 15. und 28. April um 20 Uhr sowie am 19. April um 16 Uhr statt. Karten sind unter Telefon 233 966 00 erhältlich.



