Güstrower Lesung: Carsten Gansel diskutiert das Verschwinden der DDR-Literatur
In der Güstrower Uwe-Johnson-Bibliothek reichten die Stühle kaum aus, als Literaturprofessor Carsten Gansel aus seinem aktuellen Werk „Ausradiert“ las. Der Untertitel „Wie Literatur in der DDR verschwand“ zog vor allem ältere Besucher an, die sich mit der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit identifizieren. Die Veranstaltung zeigte erneut, wie emotional das Thema bleibt.
Heimspiel für den Güstrower Autor
Für Carsten Gansel war die Lesung ein Heimspiel: Der 1955 in Güstrow geborene Autor besuchte die Kersting-Schule und entdeckte später den berühmten Schriftsteller Uwe Johnson als heimatlichen Kollegen neu. In lockerer Atmosphäre plauderte der in Lederjacke gekleidete Professor von seinen frühen Erfahrungen in der Barlachstadt und den Einflüssen der 1968er-Bewegung auf DDR-Jugendliche.
„Wir hörten ,Wild Thing' von den Troggs und sahen ,Wilde Erdbeeren' mit der Musik von Neil Young“, erinnerte sich Gansel schmunzelnd und wies darauf hin, dass solche westlichen Einflüsse die offizielle Staatsvorgabe von 60 Prozent Ost- und 40 Prozent Westmusik bei weitem überschritten.
Das ernste Thema: Vernichtung von DDR-Literatur
Doch hinter der lockeren Fassade verbarg sich ein ernstes Anliegen: Gansel beschrieb detailliert, was nach 1990 mit den DDR-Verlagen geschah. Millionen Bücher aus damals noch zahlreich existierenden Bibliotheken wurden vernichtet – darunter auch deutsche Klassiker. Verlage wurden für wenige D-Mark veräußert, und viele vermeintliche Staatsdichter fühlten sich abgewertet und ihres Lebenssinns beraubt.
Schriftsteller wie Werner Lindemann, Vater des Rammstein-Sängers Till Lindemann, suchten in ihrem mecklenburgischen Garten bereits einen Ast für den Strick. Trotz dieser dramatischen Schilderungen betonte Gansel: „Ich habe mit dem Westen keine Rechnung offen.“
Ostliteratur als eigenständige Textkunst
Der Literaturprofessor widersprach der These, DDR-Literatur sei bloßer „Weltersatz“ gewesen, wie Christoph Links in seinem Buch „Verschwundene Verlage“ vermutet. Für Gansel handelt es sich um eigenständige Textkunst, die Autoren wie Christa Wolf, Volker Braun und Brigitte Reimann hervorgebracht hat. Letztere wurde dank Gansels Engagement in Großbritannien sogar zur Bestsellerautorin.
Gansel präsentierte die DDR als Leseland, dessen Rezipienten es gewohnt waren, zwischen den Zeilen zu lesen. „Wer ein Land kennenlernen möchte, muss dessen Bücher lesen“, argumentierte der Experte. Allerdings blieb unerwähnt, dass Verlage schon zu DDR-Zeiten radikal dezimiert wurden und Verleger sogar zum Tode verurteilt wurden – ein Aspekt, den Christoph Links in seinem Werk ausführlich darstellt.
Generationenkonflikt in der Aufarbeitung
Das Publikum rekrutierte sich vor allem aus der Generation der „Integrierten“ und „Angepassten“, die zwischen 1945 und 1960 geboren wurden. Die nachfolgende Generation der „Distanzierten“ (1961-1975 Geborene) war deutlich in der Minderzahl vertreten.
Mit jüngeren Autoren wie Anne Rabe (Jahrgang 1987), die die DDR nur noch als Kleinkind erlebte und in „Die Möglichkeit vom Glück“ ihre subtile Familiengeschichte verarbeitet, kann Gansel wenig anfangen. „Wenn sie von einer DDR als Diktatur schreibt, ist es das, was man jetzt hören will“, kommentierte er kritisch und erhielt dafür Applaus vom überwiegend älteren Publikum.
Die Gefahr des Weichzeichnens
Gansel differenzierte zwischen verschiedenen DDR-Erfahrungen: „Es macht einen Unterschied, ob man im beschaulichen Güstrow oder Berlin an der Mauer aufgewachsen ist.“ Dass die Provinz für manche ein noch engerer Käfig sein konnte und die wildesten Ausreisewilligen oft aus der DDR-Provinz stammten, blieb dabei unerwähnt.
Der Historiker Ilko Sascha-Kowalczuk warnt in seinem Buch „Der Freiheitsschock“ vor der Gefahr, eine Diktatur weichzuzeichnen, deren Wesen darin bestand, subtil Alltag und Persönlichkeit ihrer Bürger zu verformen. Schon in den 1970er Jahren beschrieb Uwe Johnson selbst die toxische Beziehung zwischen „Vater Staat“ und seinen „Kindern“ – ein Thema, das bis heute nachhallt.



