Martin Wuttke liest aus Heiner Müllers geheimem Notizbuch: Erstmals öffentliche Einblicke
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Tod des bedeutenden Dramatikers Heiner Müller werden erstmals öffentliche Einblicke in ein jahrzehntelang unbekanntes Notizbuch gewährt. Der renommierte Schauspieler Martin Wuttke liest am Mittwochabend um 19.00 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin aus diesen faszinierenden Aufzeichnungen.
Ein persönlicher Schatz wird gehoben
Das Notizbuch, das Müller seit seinem 15. Lebensjahr am 1. Januar 1945 führte, enthält eine beeindruckende Sammlung persönlicher Reflexionen und literarischer Studien. Der Dramatiker dokumentierte darin seine Gedanken über die Aufgaben der Kunst, die Revolution in der Literatur, das moderne Drama, literarische Vorbilder und die geistige Lage Europas. Besonders bemerkenswert sind die umfangreichen Vokabellisten mit altgriechischen Begriffen und Shakespeares Englisch, die Müller akribisch zusammengetragen hat.
Renate Ziemer, Müllers langjährige Mitarbeiterin, hatte das wertvolle Dokument im vergangenen Jahr an die Akademie der Künste übergeben. Sie hatte das Notizbuch noch zu Müllers Lebzeiten in einem Umzugskarton entdeckt und es seitdem wie einen persönlichen Schatz gehütet. Diese besondere Geschichte wird in der aktuellen Ausgabe der AdK-Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ ausführlich dokumentiert, wo auch erste Auszüge aus dem Notizbuch veröffentlicht sind.
Forschungsmaterial und kulturelles Ereignis
Das Originalnotizbuch befindet sich nun im Archiv der Akademie der Künste und steht dort für wissenschaftliche Forschungszwecke zur Einsicht bereit. Die öffentliche Lesung mit Martin Wuttke markiert jedoch den ersten Schritt, dieses einzigartige Dokument einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Im Anschluss an die Lesung diskutieren namhafte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens über die anhaltende Bedeutung von Heiner Müllers Werk:
- Der Autor Achim Engelberg
- Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller
- Der Maler Mark Lammert
- Die Übersetzerin und Germanistin Kristin Schulz
- Der Theaterkritiker Simon Strauß
Bereits um 17.00 Uhr können interessierte Besucher bei einer Gesprächsrunde über Heiner Müller teilnehmen, für die eine vorherige Anmeldung erforderlich ist.
Das Vermächtnis eines Jahrhundert-Dramatikers
Heiner Müller, der von 1929 bis 1995 lebte, zählt zu den wichtigsten Theaterautoren des 20. Jahrhunderts. Seine Karriere spannte sich über beide deutsche Staaten – er arbeitete sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik Deutschland. Zu seinen bekanntesten und einflussreichsten Werken gehören:
- „Der Lohndrücker“ aus dem Jahr 1958
- Die bahnbrechende Shakespeare-Adaption „Die Hamletmaschine“ von 1977
- Seine vielbeachtete Inszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“ bei den Bayreuther Festspielen 1993
Von 1990 bis 1993 bekleidete Müller das Amt des letzten Präsidenten der Akademie der Künste Ost. Sein Werk bleibt bis heute Gegenstand intensiver wissenschaftlicher und künstlerischer Auseinandersetzung, wozu die nun zugänglichen Notizbuchaufzeichnungen einen wertvollen neuen Beitrag leisten werden.



