Doris Wille mit Voß-Preis für griechisch-deutsche Übersetzung geehrt
Im malerischen Penzlin wurde die renommierte Übersetzerin Doris Wille mit dem alle zwei Jahre verliehenen Johann-Heinrich-Voß-Preis für griechisch-deutsche Übersetzung ausgezeichnet. Die Ehrung erfolgte für ihre herausragende Arbeit an dem Sachbuch „Die Nadeln des Aufstands - Eine Kulturgeschichte des Strickens“. Die Preisverleihung im Voß-Literaturhaus wurde zu einer Plattform sowohl für Würdigung als auch für fundamentale Kritik an den Strukturen des Literaturbetriebs.
Die Kunst der Übersetzung im Fokus
Penzlins Bürgermeister Sven Flechner (parteilos) betonte in seinem Grußwort die Übersetzung als eigenständige Kunstform. Er verwies auf den Namensgeber des Preises, Johann Heinrich Voß, der im 18. Jahrhundert mit seinen Übertragungen der „Ilias“ und „Odyssee“ ins Deutsche literarische Welten erschloss. Der in Penzlin aufgewachsene Dichter und Übersetzer setzte damit Maßstäbe.
Preisstifter Bernd-Albrecht von Maltzahn und Jurymitglied Ulf-Dieter Klemm würdigten Doris Willes akribische Arbeitsweise. Sie habe nicht nur den Text übersetzt, sondern das Werk durch eigene Bildrecherche und die vertiefte Prüfung der im Original genannten Quellen substanziell bereichert. Für Wille selbst markiert der Preis den Höhepunkt ihrer langjährigen Übersetzerkarriere.
Kritische Töne: Die Schattenseiten des Übersetzerberufs
In ihrer Dankesrede nutzte Doris Wille die Gelegenheit, um ein schonungsloses Bild von den realen Arbeitsbedingungen für Literaturübersetzer zu zeichnen. „Das Übersetzen ist oft ein mühsames und frustrierendes Geschäft, daher muss man schon von der Sache beseelt sein“, erklärte sie. Den Markt für griechische Literatur in Deutschland verglich sie pointiert mit dem Anbieten von Sauerbier – ein schwieriges Unterfangen.
Sie kritisierte, dass Übersetzerinnen und Übersetzer häufig in erhebliche Vorleistung gehen müssten. Um Verlage von einem Projekt zu überzeugen, seien umfangreiche Angebotspakete mit Leseproben und literarischen Gutachten nötig, deren Wert oft nicht anerkannt werde. „Und dann muss man noch monatelang auf Antworten des Lektorats warten“, fügte sie hinzu. Die teils widersprüchlichen Begründungen für Ablehnungen seien für sie häufig nicht nachvollziehbar.
Historische Parallelen zu Johann Heinrich Voß
Doris Wille zog eine direkte Linie von ihren heutigen Herausforderungen zu den Erfahrungen des Preisnamensgebers. Sie erinnerte daran, dass auch Johann Heinrich Voß mit Widerständen zu kämpfen hatte. Seine erste Ausgabe der Odyssee musste auf eigene Kosten erscheinen, ein Schicksal, das die Preisträgerin als symptomatisch für die prekäre Lage von Vermittlern zwischen Sprachen und Kulturen ansieht. Die Veranstaltung in Penzlin machte somit nicht nur eine exzellente Übersetzerleistung sichtbar, sondern rückte auch die strukturellen Hürden ins Licht, denen diese Kunstform bis heute ausgesetzt ist.



