Betreutes Singen in Dresden: Wenn das Publikum die Lieder bestimmt
In der Dresdner Schauburg herrscht eine ausgelassene Stimmung, während die Besucher Liedvorschläge wie "Oops!... I Did It Again", "Wonderwall" und "California Dreamin'" durcheinanderrufen. Auf der Bühne sitzen die Musiker Reentko Dirks mit seiner Gitarre und Demian Kappenstein an der Cajón, bereit, die Wünsche des Publikums umzusetzen. Seit 2017 laden die beiden Künstler monatlich zum "Betreuten Singen" ein, einem Mitsingabend, der sich durch seine spontane und interaktive Gestaltung auszeichnet.
Spontane Vorschläge statt fester Playlist
Anders als bei ähnlichen Formaten wie dem "Rudelsingen" oder "Sing de la Sing" gibt es beim "Betreuten Singen" keine vorgefertigte Songliste. "Am Anfang ist es ein bisschen chaotisch, anarchisch organisiert", erklärt Demian Kappenstein. Die etwa 350 gut gelaunten Gäste rufen ihre Wünsche einfach in den Saal, die Musiker sammeln sie und lassen dann per Applaus abstimmen. So fiel die erste Wahl an einem Abend auf "California Dreamin'" von The Mamas and the Papas – allerdings mit einer amüsanten deutschen Übersetzung von Google, die für Schmunzeln sorgte.
In der zweiten Hälfte des Abends wird es etwas geordneter: Vor der Pause geben Dirks und Kappenstein ein Thema vor, zu dem die Teilnehmer per Zettel oder E-Mail Vorschläge einreichen. An einem Abend lautete die Frage: "Mit welchem Lied würden Sie einem Außerirdischen die Menschheit erklären?" Die Antworten reichten von Michael Jacksons "Earth Song" bis zum deutschen Klassiker "Über sieben Brücken" von Karat.
Ungewöhnliche Kombinationen und befreiende Atmosphäre
Immer wieder entstehen überraschende musikalische Kombinationen, wie etwa als Reentko Dirks "Summer of 69" von Bryan Adams nahtlos in "Stille Nacht" übergehen ließ – begleitet von Lachern und lautem Mitsingen. In der ersten Reihe sitzt Maria Hahn, eine treue Besucherin, die mit einem T-Shirt mit dem Logo der Veranstaltung – einem gezeichneten Lagerfeuer – auftaucht. "Es ist wirklich ein Ritual geworden", erzählt die Dresdnerin, die auch in einem Chor singt. "Ich freue mich jedes Mal, weil ich weiß, dass es mir danach wieder besser gehen wird, weil Singen befreit einfach ungemein."
Ihre Freundin Yvonne Löffler stimmt zu: "Von Anfang an bis Ende fühlt man sich mitgenommen und abgeholt. Das Mindset einmal wiederherstellen und dann wieder frisch rausgehen – das ist eigentlich, was der Abend hier ausmacht." Sie beschreibt die Stimmung als unbefangen und wertfrei, was das Erlebnis besonders angenehm und leicht mache.
Publikum übernimmt die Initiative
Wenn Dirks und Kappenstein einmal nicht weiterwissen, überlassen sie dem Publikum die Führung. Bei dem Deutschrap-Song "Tau mich auf" von Zartmann gab Dirks zu: "Wir kennen es nicht." Prompt antwortete eine schlagfertige Frau aus dem Publikum: "Dann muss man das lernen." Und schon ging es los – der Gitarrist fand die Melodie überraschend schnell, während die Teilnehmer den Gesang übernahmen. Nur einmal wurde es ganz still im Saal, als weder die Musiker noch das Publikum wussten, wie "Moonlight Shadow" von Mike Oldfield endet. Doch das war kein Problem – es ging direkt weiter mit "Wonderwall" von Oasis, bei dem alle wieder aus voller Kehle mitsangen.
Gemischtes Publikum und treue Fans
Das Publikum ist altersmäßig breit gefächert, mit Schätzungen zwischen 25 und 75 Jahren, wobei Frauen eindeutig in der Mehrheit sind. "Ich glaube, da ist viel mehr Offenheit und Unvoreingenommenheit da", vermutet Kappenstein. Frauen brächten eine größere Bereitschaft mit, auch mitzusingen, wenn sie keine professionellen Sängerinnen seien. Doch immer häufiger finden auch Männer den Weg zum gemeinsamen Singen, wie Martin Vogt, der seine Freundin spontan eingeladen hatte: "Wunderbar, eine sehr schöne Stimmung, sehr ausgelassen. Das Zusammensingen, das überrascht werden, welche Lieder gewünscht werden – das gefällt mir."
Die Idee für das Konzept entstand bei einer WG-Party, bei der Dirks und Kappenstein gemeinsam waren. Ursprünglich wollte sich Dirks schon früh verabschieden, doch dann drückte ihm jemand eine Gitarre in die Hand mit den Worten: "Einen spielst du noch!" Der Abend endete erst um 3 Uhr morgens, und die beiden merkten, welche Freude es macht, gemeinsam zu überlegen, welche Stücke einem durch den Kopf gehen. Nach einigen Jahren der Vorbereitung fand 2017 die erste Ausgabe des "Betreuten Singens" statt – und seither wächst die Veranstaltung stetig. Die nächste Ausgabe im April ist bereits ausverkauft, Tickets gibt es erst wieder für den Mai.



