Johannes Oerding in der Olympiahalle: Zwischen musikalischer Brillanz und zu viel Redebedarf
Johannes Oerding startete launig und kraftvoll in das Konzert in der halbvollen Olympiahalle. Mit Spitzenmusikern und seiner grandiosen Stimme spielte er gleich zum Auftakt den Ohrwurm „Mit dem Kopf durch die Wand“. Der Sound war glasklar und fabelhaft abgemischt, sowohl die Light- als auch die Multimediashow wirkten wirklich perfekt. Dennoch dauerte es einige Zeit, bis das Publikum so richtig warm wurde.
Zu viele Unterbrechungen bremsen den Flow
Was möglicherweise an den etwas zu oft eingesetzten Zwischenplaudereien lag, die der Sänger nach fast jedem Song einstreute. Er war gewohnt sympathisch, machte nette kleine Witze wie: „Bitte kauft nachher mein Album, in jedem zehnten sind übrigens 1.000 Euro versteckt, ich hab selbst elf gekauft.“ Doch es hätte dem Abend gutgetan, wenn einfach mal ein paar Lieder hintereinander gespielt worden wären.
Oerding suchte immer den Kontakt mit dem Publikum und wählte sich immer wieder Menschen im Zuschauerraum aus, um sie miteinzubeziehen. Vielleicht war er zu lange mit der wunderbaren Ina Müller liiert, dass er das Gefühl hat, er müsse um jeden Preis originell und schlagfertig sein. Das gelang ihm manchmal, aber nicht immer.
Peinliche Momente mit zwei jungen Frauen
Zwei junge Frauen im Schachbrett-Partnerlook hatten es ihm besonders angetan. Die Kameras schwenkten auf ihre Gesichter, die sich sichtbar schämten. Oerding ließ nicht locker, forderte sie auf, mit ihm zu singen, und verzettelte sich in seiner Ansprache. „Kein Bock? Könnt Ihr singen? Nein? Um so besser. Seid Ihr zum ersten Mal da? Wo wart ihr all die Jahre?“ sorgte zwar für Lacher, war aber auch ein bisserl peinlich.
Er fragte ihre Namen ab und sang im Harry-Belafonte-Stil: „Lea! Mileeeena!“. Die beiden jungen Besucherinnen würden am liebsten im Boden versinken. Endlich erlöste er sie, indem er gemeinsam mit Teresa aus der dritten Reihe „Man in the Mirror“ von Michael Jackson intonierte. Sie hatte ein unglaubliches Talent, und endlich kochte auch der Saal.
Musikalische Höhepunkte und gelungene Interaktionen
Nun folgte ein besonderer Teil: Im Stil von Austria 3 setzte sich der gutaussehende Mann mit dem Hut zwischen seine zwei Gitarristen und legte einige ordentliche Nummern hin. Sehr gelungen war die Vorstellung der einzelnen Musizierenden samt eingeblendeten Kinderfotos, die jedesmal einen Gassenhauer zum Besten geben durften.
- Der Schlagzeuger Simon performte „Live is Life“ von Opus
- Keyboarder Kai stimmte „Coco Jamboo“ von Mr. President an
- Bassist Robin groovte eine Mischung aus „Good Times“ von Chic und „Rapper's Delight“ von Sugarhill Gang
- Oerding rappte und versuchte sich erfolgreich als Heldentenor
Gitarrist Steffen spielte und heavymetallte „Thunderstruck“ von AC/DC, und Leadgitarrist Moritz gab ein stimmungsreiches Gitarrenintro, das in David Hasselhoffs „Looking for Freedom“ überging.
Emotionale Momente und ein starkes Finale
Auf der Bühne funktionierten die Interaktionen einwandfrei. Generell war der Abend locker und schön. Manchmal lief der auch als Juror bei „The Voice of Germany“ und als Moderator von „Sing my Song“ durchaus erfahrene Showstar wie ein junges Reh durch den Saal, schüttelte Hände, ließ Umarmungen zu, unterschrieb mitgebrachtes Merch-Material und erklimmte eine Bühne inmitten der Arena, wo er „Heimat“ und „Alles brennt“ spielte.
Ein wirklich gelungener Dialog mit seinem verstorbenen Vater und die daraufhin in einen Gospelchor verwandelte Anhängerschaft sorgten für Tränen der Rührung und ein wohliges Zusammengehörigkeitsgefühl. Sein größter Erfolg „An guten Tagen“ wurde phänomenal gemeinsam mit Ian Hooper aus der Vorband als Duett dargeboten.
Oerding schaffte es letztlich, handwerklich meisterhaft und stimmungsvoll den Abend ausklingen zu lassen. Selbst Lea und Milena, die beiden Frauen im Schachbrett-Look, wirkten am Ende des Abends erquickt und vergnügt.



