Julia Riedlers experimentelle Interpretation von Schnitzlers 'Fräulein Else' erreicht München
Über ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung erweist sich Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ als zeitlos aktuell. Die preisgekrönte Schauspielerin Julia Riedler hat gemeinsam mit Regisseurin Leonie Böhm den klassischen inneren Monolog in ein innovatives Solo verwandelt, das nun in den Münchner Kammerspielen Premiere feiert. Die Produktion, die bereits im Februar 2025 im Wiener Volkstheater debütierte, brachte Riedler die Auszeichnung zur „Schauspielerin des Jahres 2025“ durch das Fachmagazin „Theater heute“ sowie den Nestroy-Preis als beste Schauspielerin ein.
Vom inneren Monolog zum interaktiven Theatererlebnis
Im Zentrum der Inszenierung steht eine radikale Neuerung: Die Interaktion mit dem Publikum wird zum zentralen Gestaltungselement. „Das Stück lebt sehr von der Kommunikation mit den Zuschauern“, erklärt Riedler. „Indem ich einzelne Personen zu Figuren mache, werden sie durch meine Ansprache fiktionalisiert und in Elses Welt hineingezogen.“ Dieser Ansatz transformiert Schnitzlers inneren Monolog in ein äußeres Spiel, das die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum bewusst verwischt.
Die Entscheidung für diese interaktive Form entspringt einer grundlegenden Überzeugung: „Leonie und ich sind der Überzeugung, dass gerade das Theater das beste Medium ist, um sich gesellschaftliche Phänomene im Kollektiv anzuschauen“, so Riedler. Dabei gehe es nicht um belehrenden Aktivismus, sondern um gemeinsames Erleben. „Wir wollen uns zusammen in diese Situation bringen.“
Aktualität eines Jahrhunderttextes
Schnitzlers Novelle erzählt die Geschichte der jungen Else, die während eines Kuraufenthalts erfährt, dass ihr Vater Gelder veruntreut hat. Auf Bitten der Mutter soll sie den reichen Kunsthändler Dorsday um finanzielle Hilfe bitten – der im Gegenzug verlangt, ihren nackten Körper betrachten zu dürfen. Die Themen sexualisierter Machtmissbrauch und gesellschaftlicher Druck erhalten durch Riedlers Interpretation eine bemerkenswerte Aktualität.
„Die realen Fälle, die es ja nicht nur heute gibt, laden Schnitzlers Sätze immer wieder neu auf“, reflektiert Riedler. Besonders die im Stück thematisierte „Unschuldsvermutung“ erinnere an aktuelle gesellschaftliche Debatten. „Ich habe schon gelesen, dass Leute, die erstmal mit solchen klischierten Abwehrhaltungen reagierten, sich mittlerweile mehr Gedanken gemacht haben und das nun anders ausdrücken würden.“
Der mutige Akt der Selbstbestimmung
Ein zentraler Moment der Inszenierung ist Elses Entscheidung, sich nicht im Verborgenen, sondern öffentlich zu entblößen. „Leonie und ich halten das für einen aufregenden Akt der Selbstbestimmung“, betont Riedler. „Bei Schnitzler reagieren die Gäste negativ, sie stempeln Else als verrückt und hysterisch ab. Wir wollen diese Bewertung nicht mitliefern, sondern ihren Mut würdigen.“
Dieser Moment erfordert besonderen Mut – sowohl von der Darstellerin als auch vom Publikum. „Ich versuche zu dem Punkt zu kommen, dass ich keine Scham verspüre“, erklärt Riedler. „Dafür brauche ich erneut das Publikum, das hoffentlich bis dahin so verbunden mit mir ist, dass wir uns gemeinsam in diesen Moment fallen lassen.“ Die Reaktionen darauf seien sehr unterschiedlich: „Manche können damit gar nicht umgehen. Einmal hat ein Mann reingeschrien, ich solle mich wieder anziehen.“
Unterschiedliche Publikumsreaktionen in verschiedenen Städten
Nach Aufführungen in Wien, Zürich und Köln zeigt sich Riedler fasziniert von den stark variierenden Reaktionen in verschiedenen Städten. „In Köln haben sich die Leute erstmal zurückgehalten“, berichtet sie. „Ich dachte zunächst, Köln ist ein offenes Karnevalsvolk, die sind bestimmt die Ersten, die mitspielen. Aber sie wollten mir erstmal den Raum lassen.“
In Wien hingegen entwickelte sich oft eine besondere Dynamik: „Manchmal haben sich die Leute regelrecht verbündet, um für Else Auswege zu finden. Dass Unbekannte gemeinsam nach Lösungen suchten, fand ich sehr berührend.“ Andere Zuschauer versuchten, Else aufzuhalten: „Mach das nicht! Zieh dich nicht aus!“ Wie das Münchner Publikum reagieren wird, bleibt abzuwarten: „Schau mer mal!“
Minimalistische Produktion mit symbolträchtigem Bühnenbild
Die Inszenierung überzeugt durch bewusste Reduktion. Ausstatterin Belle Santos entwarf als Bühne lediglich einen prunkvollen Kronleuchter, der sowohl im Wiener Volkstheater als auch in den Münchner Kammerspielen perfekt in die architektonische Umgebung integriert ist. „Der Kronleuchter steht für eine bestimmte Klasse, leuchtet schön, wirkt normalerweise unerreichbar“, erklärt Riedler. „Er ist die Verlängerung des prunkvollen Raums, in dem wir uns bereits befinden.“
Diese minimalistische Herangehensweise entspringt einer bewussten Entscheidung: „Wir haben das so billig wie möglich produziert, einerseits aus Dankbarkeit gegenüber den Theatern, aber auch weil wir eh der Überzeugung sind, dass es für dieses Stück nicht mehr braucht.“ Riedlers Kostüm beschränkt sich im Wesentlichen auf einen Mantel.
Heimkehr nach München
Für Julia Riedler bedeutet die Aufführung in den Kammerspielen eine Art Heimkehr. Von 2015 bis 2020 gehörte sie zum Ensemble des Hauses und lebt seit elf Jahren mit Hauptwohnsitz in München. „Ich bin nie weggewesen“, betont sie. „Als ich vor elf Jahren im Ensemble der Kammerspiele landete, bin ich nach München gezogen und habe seither meinen Hauptwohnsitz hier.“
Obwohl eine Rückkehr ins Ensemble der Kammerspiele derzeit nicht geplant ist – „das geht sich leider aus zeitlichen Gründen nicht aus“ –, sieht Riedler in der Aufführung von „Fräulein Else“ eine würdige Alternative: „Die feiern wir jetzt mit ‚Fräulein Else‘.“
Die Münchner Premiere findet am 2. April 2026 um 20 Uhr in den Kammerspielen statt. Bereits am Vortag, dem 1. April, gibt es eine offene Probe um 11 Uhr mit einem Eintrittspreis von 5 Euro. Aufgrund der begrenzten Ticketverfügbarkeit wird eine frühzeitige Reservierung unter der Telefonnummer 233 966 00 empfohlen.



