Deutscher Jurist übernimmt Spitzenposition in der Europäischen Staatsanwaltschaft
Ab dem 1. November 2026 wird der deutsche Jurist Andrés Ritter die Leitung der Europäischen Staatsanwaltschaft (EUStA) in Luxemburg übernehmen. Das Europaparlament in Straßburg hat der Ernennung des 61-Jährigen mit deutlicher Mehrheit zugestimmt, nachdem bereits die EU-Mitgliedstaaten ihre Zustimmung erteilt hatten. Ritter, der bisher als Vize-Chef der Behörde tätig war, löst die rumänische Amtsinhaberin Laura Kövesi ab, die 2019 zur ersten europäischen Generalstaatsanwältin ernannt worden war.
Alarmierende Zahlen: 67 Milliarden Euro Schaden durch EU-Betrug
Die Dimensionen der Kriminalität, die die Europäische Staatsanwaltschaft bekämpft, sind erschütternd. Nach dem jüngsten Jahresbericht waren Ende 2025 rund 3600 aktive Fälle in Bearbeitung, mit einem geschätzten Gesamtschaden von satten 67 Milliarden Euro. Den größten Anteil daran macht der Zoll- und Mehrwertsteuerbetrug aus, der auf etwa 45 Milliarden Euro beziffert wird. Der gebürtige Chilene Ritter zeigt sich schockiert über die lange Unterschätzung dieser Delikte und betont, dass die Profite hier sogar höher als beim Drogenhandel ausfallen – bei deutlich geringerem Risiko für die Täter.
In Deutschland laufen derzeit 361 Ermittlungsverfahren mit einem geschätzten Schaden von knapp 5,8 Milliarden Euro. Der designierte Generalstaatsanwalt, der zuvor als Oberstaatsanwalt in Rostock tätig war, kann sich eine Ausweitung der Aufgaben seiner Behörde vorstellen. Potenzielle neue Betätigungsfelder wären die Verfolgung von Sanktionsumgehungen oder Umweltkriminalität wie illegaler Müllentsorgung, erklärte Ritter in ersten Stellungnahmen.
Grenzüberschreitende Ermittlungen als entscheidender Vorteil
Die besondere Stärke der 2021 gegründeten Europäischen Staatsanwaltschaft liegt in ihrer Fähigkeit zu grenzüberschreitenden Ermittlungen. Nationale Behörden stoßen bei international organisierten Delikten häufig an ihre Grenzen, da Lieferketten, Geldflüsse und Beteiligte über viele Länder verteilt sind. Die EUStA erkennt hingegen Zusammenhänge und Hintermänner über Ländergrenzen hinweg und macht so das wahre Ausmaß der Schäden sichtbar. „Wir decken da tatsächlich eine neue Welt des Verbrechens auf“, beschreibt der deutsche Jurist die Arbeit seiner Behörde.
Zu den brisantesten Fällen der jüngeren Vergangenheit gehören Ermittlungen gegen die EU-Kommission wegen Immobilienverkäufen an den belgischen Staat, die zu Durchsuchungen in Brüssel führten. Ende 2025 sorgte die Staatsanwaltschaft außerdem für Aufsehen, als die frühere EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini zeitweise festgenommen wurde. Zum aktuellen Stand dieser Verfahren wollte sich Ritter nicht äußern, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.
Grundsatz: Bei Verdacht wird ermittelt – nicht alle Fälle bestätigen sich
Die Europäische Staatsanwaltschaft arbeitet nach einem klaren Grundsatz: Bei begründetem Verdacht wird unverzüglich ermittelt. Allerdings bestätigt sich nicht jeder Anfangsverdacht im Laufe der Untersuchungen. Der designierte Chef betonte, dass die Behörde nur dann über laufende Verfahren informiert, wenn dies nach nationalen Regeln zulässig ist und die Ermittlungen nicht gefährdet.
Derzeit nehmen 24 der 27 EU-Mitgliedstaaten an der Europäischen Staatsanwaltschaft teil. Außen vor bleiben Irland, Dänemark und Ungarn. Ritter erklärte, dass Irland beitreten wolle, der genaue Zeitpunkt jedoch noch offen sei. Ungarn könnte folgen – allerdings nur, wenn die Regierung von Viktor Orbán bei den anstehenden Wahlen im April abgewählt wird. In Dänemark verhindern derzeit nationale Vorschriften einen Beitritt.
Das Abstimmungsergebnis im Europaparlament fiel mit 435 Ja-Stimmen deutlich aus, während 112 Abgeordnete mit Nein votierten und 46 sich enthielten. Mit Andrés Ritter übernimmt ein erfahrener Jurist die Führung einer Behörde, deren Bedeutung im Kampf gegen organisierte Kriminalität in Europa stetig wächst.



