Münchner Sicherheitskonferenz 2026: Eine wankende Weltordnung und ihre Lehren
Die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), die als weltweit bedeutendstes Treffen dieser Art gilt, stand ganz im Zeichen eines tiefgreifenden Umbruchs in der internationalen Ordnung. Nach drei intensiven Tagen mit Reden und Debatten fällt die Bilanz zwar düster aus, aber immerhin nicht katastrophal. Fünf zentrale Lehren zeichnen sich aus dieser Konferenz ab, die inmitten der größten geopolitischen Veränderungen seit dem Ende des Kalten Krieges stattfand.
Die transatlantischen Beziehungen sind noch nicht tot, aber schwer angeschlagen
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) konstatierte in seiner Rede bei der MSC: „Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika hat sich eine Kluft, ein tiefer Graben aufgetan.“ Im Vergleich zur Schock-Rede von US-Vizepräsident J.D. Vance im Vorjahr war der Ton von US-Außenminister Marco Rubio diesmal deutlich freundlicher. Er schwärmte von europäischer Kultur und verwobener Geschichte, etwa als er zu Deutschland sagte: „Unser großartiges Kernland im Mittleren Westen wurde von deutschen Bauern und Handwerkern aufgebaut.“ Wer wollte, konnte darin eine ausgestreckte Hand der USA erkennen.
Die USA wollen Freundschaft – aber nur zu ihren eigenen Bedingungen
Doch bei genauerem Hinhören zeigte sich, dass die USA unter Präsident Donald Trump eine Kooperation nur auf Augenhöhe anbieten, wenn Europa ihrem politischen Kurs folgt. Rubio machte dies insbesondere beim Thema Migration deutlich: „Auf der Suche nach einer Welt ohne Grenzen haben wir unsere Türen für eine beispiellose Welle massenhafter Migration geöffnet.“ Er forderte gemeinsames Handeln, betonte aber auch, dass die USA notfalls allein handeln würden. Zudem warf er den Europäern vor, in Bereichen wie Klimawandel, Krieg und Technologie aus Angst handlungsunfähig zu sein, und stellte die regelbasierte internationale Ordnung infrage.
Europa strebt nach mehr Eigenständigkeit und Selbstbehauptung
Während die Europäer im Vorjahr noch in Schockstarre verharrten, ist nun Pragmatismus eingekehrt. Kanzler Merz erkannte den „tiefen Graben“ als Realität an und betonte die Notwendigkeit europäischer Eigenständigkeit. „Selbstbehauptung“ ist das Wort der Stunde, und Europa muss Vorkehrungen für eine von Großmachtpolitik geprägte „neue Zeit“ treffen. Dies spiegelt sich in Diskussionen über einen europäischen Atomschirm wider, der als Ergänzung zu den Nuklearwaffen der USA dienen soll, um die Abschreckungsstrategie zu stärken.
Der Weg zur Unabhängigkeit ist steinig und voller Herausforderungen
Konkret bedeutet dies, dass Europa handlungsfähiger werden muss. Deutschland und Frankreich sprechen über einen möglichen europäischen Atomschirm, wobei Befürchtungen bestehen, dass dies die USA verärgern könnte. Der Trump-Vertraute Lindsey Graham zeigte sich jedoch gleichgültig: „Das ist mir eigentlich egal. Hauptsache die nukleare Abschreckung wird ausgebaut.“ Zudem warb Merz dafür, die Beistandsklausel im EU-Vertrag auszubuchstabieren, ähnlich wie Artikel 5 des Nato-Vertrags. Ein Prüfstein wird das Luftkampfsystem FCAS sein, dessen Scheitern ein schwerer Rückschlag für Europas Unabhängigkeitsbestrebungen wäre.
Die Ukraine steht vor düsteren Aussichten und geringer Priorität
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warb in München erneut für einen EU-Beitritt bis 2027 und um militärische Unterstützung, darunter Taurus-Marschflugkörper aus Deutschland. Er beschrieb sich als „müde aber stark“. Doch das Thema Ukraine hatte für die USA offenbar keine Priorität; Rubio thematisierte den Angriffskrieg Russlands in seiner Rede zunächst gar nicht. Auch Kanzler Merz rückte es angesichts der transatlantischen Krise in den Hintergrund. Von der Seitenlinie kommentierte Trump: „Russland will einen Deal machen, und Selenskyj muss in Bewegung kommen, sonst verpasst er eine große Chance.“ Dies unterstreicht die schwierige Lage der Ukraine in einer sich wandelnden Weltordnung.



