„Es gab einen Moment, der mein Herz zerrissen hat“ – Leben unter russischer Besatzung
Seit vier Jahren herrscht Krieg in der Ukraine. Gewalt, Zerstörung und Unterdrückung prägen den Alltag der Menschen in den besetzten Gebieten. Unsere Redaktion hat mit Frauen gesprochen, die diese grausame Realität am eigenen Leib erfahren haben. Ihre Berichte sind eindrücklich, emotional und zeigen die unmenschlichen Bedingungen unter russischer Besatzung.
Die Auslöschung ukrainischer Identität
Irina lebte zu Beginn des Krieges unter russischer Besatzung, bevor sie mit ihrer Familie nach Deutschland floh. Diese Zeit lässt sie bis heute nicht los. Die erlebten Gräueltaten sind weder vergessen noch vergeben. Das Leben unter russischer Besatzung ist von systematischer Unterdrückung geprägt. Die ukrainische Identität soll ausgelöscht werden: Ukrainische Symbole sind verboten, ebenso die ukrainische Sprache.
Verstöße werden konsequent und grausam bestraft. Irina berichtet von einer Frau, der die Fingernägel ausgerissen wurden – nur weil sie in den Farben der ukrainischen Flagge, Blau und Gelb, lackiert waren. „Das ist so unmenschlich“, sagt Irina mit zitternder Stimme.
Geburt im Keller und medizinische Vernachlässigung
Irina wartete sehnsüchtig auf die Geburt ihres Enkelkindes. Doch am 24. Februar begann der Krieg – ihre Heimatregion geriet früh unter russische Besatzung. Ihre Schwiegertochter musste das Kind in einem Keller zur Welt bringen. Mutter und Kind wurde wichtige medizinische Versorgung vorenthalten.
„Mein Enkelkind sollte geboren werden, aber wir waren eins der ersten Gebiete unter russischer Besatzung. Es gab keine Möglichkeit, sie ins Krankenhaus zu transportieren. Es war nicht erlaubt“, erzählt Irina. Wegen des Stresses erlitt das Kind einen Schlaganfall. Erst in Deutschland konnte es richtig behandelt werden. Heute ist er vier Jahre alt und kann ein normales Leben führen.
Filtrationslager und entwürdigende Kontrollen
Vlada berichtet von schweren Verbrechen, die ihr besonders nahe gehen. Ihr Bruder musste ein sogenanntes Filtrationslager durchlaufen. Diese Lager befinden sich an den Grenzen zu Russland. Dort werden Ukrainer kontrolliert, registriert, verhört – teilweise auch festgehalten.
„Er musste vor den Russen nackt stehen und zeigen, dass er keine Symbolik, keine Tätowierungen hat. Menschenwürde gibt es auch bei ihnen nicht“, schildert Vlada die entwürdigende Prozedur. Ihr Bruder musste durch Russland fliehen, bevor er nach Deutschland gelangen konnte. Unterwegs sah er Leichen, die einfach überall lagen – niemand weiß, wer diese Menschen waren.
Die Zerstörung des Theaters in Mariupol
Ein Ereignis, das Vlada besonders erschüttert, ist die Zerstörung des Theaters in Mariupol. Das Dramatheater Mariupol war ein Zufluchtsort für hunderte Zivilisten. Vor dem Gebäude stand in großen weißen Buchstaben das Wort „Deti“ – Kinder. Dennoch wurde es bombardiert. Viele Menschen starben.
Unter ihnen war auch Vladas beste Freundin. „Es gab auch einen Moment, der mein Herz zerrissen hat. Die Nachricht über meine beste und engste Freundin, die hat Schutz gesucht in dem Theater“, sagt Vlada mit Tränen in den Augen. Der Verlust sei kaum zu begreifen, ein Schmerz, der bleibt.
Der gemeinsame Wunsch nach Frieden
Beiden Frauen ist die Belastung deutlich anzumerken. Die Erlebnisse verfolgen sie bis heute. Was sie verbindet, ist ein gemeinsamer Wunsch: Frieden. Irina sagt: „Ich möchte Frieden. Ich möchte, dass der Krieg spurlos verschwindet. Dass niemand Krieg erleben muss. Kinder nicht mehr sterben. Und Tiere auch nicht.“
In der gesamten Ukraine dauert der Krieg mit unverminderter Härte an – mit besonders gravierenden Folgen im Winter. Stromausfälle und eisige Kälte prägen vielerorts den Alltag. Trotz allem arbeiten die Frauen entschlossen weiter für die Zukunft ihres Landes. Sie engagieren sich in einem Verein, der Ukrainer in diesen schweren Kriegsjahren unterstützt.
Ob und wann ihr Wunsch nach Frieden in Erfüllung geht, wissen die Frauen nicht. Aber sie hoffen weiter – trotz aller Grausamkeiten, die sie erlebt haben.



