Iranischer Raketentest auf Diego Garcia: Droht nun Gefahr für Europa?
Die iranischen Streitkräfte haben Medienberichten zufolge am Wochenende zwei ballistische Raketen auf den US-britischen Militärstützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean abgefeuert. Das Atoll liegt etwa 4.000 Kilometer südöstlich der iranischen Küste und dient als strategischer Stützpunkt für schwere Bomber und Flugzeugträgergruppen. Obwohl keine der Raketen ihr Ziel traf, markiert dieser Vorfall den bisher weitesten Raketenangriff, der dem Iran zugeschrieben wird.
Historische Entwicklung des iranischen Raketenprogramms
Das iranische Raketenprogramm blickt auf eine über vierzigjährige Geschichte zurück. Als Reaktion auf den Iran-Irak-Krieg in den 1980er Jahren, während dem iranische Metropolen massiven Raketenangriffen ausgesetzt waren, begann die Militärführung mit der Entwicklung eigener Abschreckungswaffen. Die ersten Modelle basierten auf nordkoreanischer Technologie und erreichten lediglich Reichweiten von etwa 300 Kilometern.
Unter Führung der Revolutionsgarden wurde das Programm systematisch ausgebaut, wobei nach der Jahrtausendwende bedeutende Fortschritte in Reichweite, Präzision und Feststoffantrieben erzielt wurden. Heute umfasst das Arsenal fortschrittliche Systeme wie die Chorramschahr-4, Sedschil, Emad und Cheibarschekan, die Gefechtsköpfe von bis zu zwei Tonnen transportieren können. Die Rakete Sedschil benötigt für Ziele in Israel nur etwa sieben Minuten Flugzeit.
Die Bedeutung des Angriffs auf Diego Garcia
Diego Garcia, das größte Atoll des Chagos-Archipels, gehört zum Britischen Territorium im Indischen Ozean und wird militärisch von Großbritannien und den USA genutzt. Die Basis verfügt über eine 3,6 Kilometer lange Landebahn für strategische Bomber und einen Hafen für Flugzeugträgergruppen. Der Angriff wirft Fragen nach den eingesetzten Waffensystemen auf. Analysen des Critical Threats Project deuten auf mögliche Modifikationen bestehender Raketen oder bisher unbekannte Systeme hin. Offiziell bestreitet der Iran die Verantwortung und spricht von israelischer Desinformation.
Reichweitenanalyse: Können europäische Städte erreicht werden?
Offiziell gibt der Iran die maximale Reichweite seiner Raketen mit 2.000 Kilometern an. Der Angriff auf Diego Garcia in 4.000 Kilometern Entfernung legt jedoch nahe, dass diese Angaben möglicherweise unterschätzt werden. Eine Reichweite von rund 4.000 Kilometern würde Städte wie Berlin, Rom oder Warschau in den potenziellen Zielkorridor rücken. Die genauen militärischen Fähigkeiten bleiben jedoch unklar, insbesondere nach Berichten über Zerstörungen von Raketensilos im Westen Irans durch Israel und die USA.
Iranische Militärdoktrin und europäische Risikobewertung
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warnte nach dem Vorfall, der Iran habe nun die Kapazität, tief nach Europa vorzudringen, und forderte weitere Länder auf, sich dem Krieg gegen den Iran anzuschließen. Der Iran hat jedoch Angriffe auf europäische Länder wie Zypern und die Türkei stets zurückgewiesen.
Experten betonen, dass iranische Angriffe auf europäische Ziele als äußerst unwahrscheinlich gelten, solange diese Staaten nicht aktiv am Krieg beteiligt sind. Die iranische Militärdoktrin folgt dem Prinzip der äquivalenten Vergeltung – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Seit Kriegsbeginn konzentrieren sich die Angriffe auf US-Stützpunkte in den Golfstaaten und israelische Ziele.
Der israelische Analyst Danny Citrinowicz beschreibt diese Logik als gezielte Abschreckung: Was auch immer ihr uns antut, werden wir euch antun – und noch mehr. Dies sei keine Willkür, sondern eine strategische Maßnahme zur Beeinflussung von Verhalten und Erzeugung von Kosten. Die Wahrscheinlichkeit für Raketenangriffe in Europa bleibt daher gering, solange keine direkte Beteiligung europäischer Staaten am Konflikt erfolgt.



