Kälte als Kriegswaffe: Der vierte Winter in Kiew wird zur humanitären Krise
Kälte als Kriegswaffe: Vierter Winter in Kiew wird zur Krise

Kälte als Kriegswaffe: Der vierte Winter in Kiew wird zur humanitären Krise

Zum Ende des vierten Kriegsjahres erlebt die Ukraine ihren schlimmsten Winter seit Beginn der russischen Invasion. Zweistellige Minusgrade, Schnee und Glatteis machen den ohnehin schwierigen Alltag der Menschen in Kiew über Wochen zur Hölle. Ständige Luftalarme und die Gefahr durch russische Raketen- und Drohnenangriffe verschärfen die Situation zusätzlich.

Gezielte Angriffe auf Heizsysteme

Das russische Militär greift gezielt immer wieder die Heizkraftwerke der Millionenstadt an und nutzt die Kälte systematisch als Waffe. Zu den Stromausfällen, die es seit dem Herbst 2022 gibt, kommen bei starkem Frost nun auch Ausfälle der Fernheizungen hinzu. Für mehr als 1.000 Wohnblöcke im Ostteil der Stadt gibt es nach verheerenden Zerstörungen durch ballistische Raketen im Heizkraftwerk Darnyzja kaum Aussicht auf eine baldige Reparatur.

„Die Heizung ist kalt, weil das Heizkraftwerk fast nicht arbeitet. Wie viele Male ist da schon etwas reingeflogen? Sieben, vielleicht schon acht Mal“, erzählt der 64-jährige Mykola aus dem Stadtteil Beresnjaky. Er meint das Heizkraftwerk Nummer fünf, das am westlichen Ufer des Dnipro liegt – der Fluss, der Kiew teilt.

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Ältere Menschen besonders betroffen

In Trojeschtschyna, einem der ärmsten Stadtteile im Nordosten von Kiew ohne U-Bahnanbindung, herrscht wieder Luftalarm. Vor einem Wärmezelt des staatlichen Zivilschutzdienstes stehen knapp zwei Dutzend vor allem ältere Menschen. Sie tragen in die Jahre gekommene Winterkleidung und warten im Schnee auf die Entwarnungsmeldung. Während des Alarms dürfen sie sich nicht im Zelt aufhalten.

Wolodymyr kommt täglich zum Aufwärmen. Auch die zwei warmen Mahlzeiten, die eine Hilfsorganisation ausgibt, schätzt der 76-Jährige. „In der Hütte ist es unangenehm zu sitzen“, sagt der Alleinstehende. Die Heizung ist kalt, Strom gebe es mal für drei Stunden, mal für vier Stunden am Tag. Er habe einen Ölradiator, um wenigstens ein bisschen Wärme zu haben.

Überleben mit minimalen Mitteln

Der Rentner lebt von umgerechnet 100 Euro im Monat. „Für Essen reicht es, doch für die Medikamente nicht“, erzählt er. Um Medikamente zu bezahlen, sammelt und verkauft er trotz zweier Schlaganfälle für ein paar Euro Altpapier. In der Nacht bleibt er aber daheim: „Mit drei Decken ist es auszuhalten.“

Knapp neun Kilometer weiter südlich im Stadtteil Beresnjaky ist die Lage etwas besser, aber immer noch prekär. Mykola warnt gleich am Eingang seines Wohnhauses: „Der Fahrstuhl geht nicht“. Die ständigen Stromausfälle machen die Fahrt mit dem Lift zum Glücksspiel. Es geht zu Fuß in die fünfte Etage des neunstöckigen Hauses.

Kreative Überlebensstrategien

In der Zweizimmerwohnung zeigt ein prüfender Druck auf den Lichtschalter: Es gibt keinen Strom. Aber immerhin sind die Heizkörper nach zweiwöchigem Totalausfall jetzt wenigstens lauwarm – ein kleiner Hoffnungsschimmer. Mit einer Autobatterie hält Mykola eine Lichterkette in Betrieb. „Die Dioden verbrauchen nicht viel, so dass ich die Batterie nicht oft laden muss“, erklärt er.

Verderbliche Lebensmittel lagert er zum Teil auf dem Balkon. Die spärliche Rente von umgerechnet etwa 130 Euro bessert er mit Taxifahrten auf – auch, um seiner Tante im Nachbarstadtteil am Prospekt Sobornosti zu helfen.

Eiskalte Wohnungen und eingefrorene Rohre

Mykolas Tante Tetjana hat seit Anfang Februar keine Heizung mehr – ihre Wohnung ist eiskalt. Die Reparaturprognose für das stark von russischen Angriffen betroffene Heizkraftwerk Darnyzja ist düster. In dem fünfstöckigen Sowjetbau gibt es gerade auch keinen Strom. „Dank den guten Leuten, dass es zumindest Wasser und Gas gibt. Das rettet“, sagt die 84-Jährige.

„Wie ich mich wärme? Zwei Paar Socken, dicke Strumpfhosen, Fellweste, zwei Pullover und ein Unterhemd“, erzählt sie. In ihrem kleinen Schlafzimmer hat sie drei Decken und Wärmeflaschen. Zum Wärmen steht immer ein kleiner Wassertopf mit Deckel auf einer klein gedrehten Gasflamme.

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Hilflose Behörden und improvisierte Lösungen

Am südlichen Stadtrand im Stadtteil Teremky ist nach dem Ausfall der Heizungen der Notfall eingetreten. „Bei uns sind die Wasserrohre eingefroren“, erzählt ein Mann, der ebenfalls Mykola heißt. Er trinkt Tee in einem Aufwärmzelt und wartet auf die Essensausgabe. „Das Haus hat Betonwände, und alles ist ausgekühlt. In der Verwaltung hat man uns gesagt, dass sie keine Leute für die Reparatur haben.“

Neben dem Zelt gibt es eine Biotoilette. Passanten erzählen, dass das viel besser sei als im Sommer, wenn sie für die Notdurft in den Park gegangen seien. Brauchwasser holen die Anwohner aus Brunnen, wie es sie in den meisten Stadtteilen gibt, und tragen es selbst in ihre Wohnungen hoch.

Die Hoffnung auf ein Ende

Für die Zukunft hat Mykola nur einen Wunsch: „Dass der Krieg zu Ende geht.“ Seine Tischnachbarn stimmen ihm zu. „Wir haben kein Wasser, keine Heizung. Allen Häusern geht es gleich. Nichts ist gut hier, niemand macht was“, sagt eine Frau.

Bis zum meteorologischen Frühlingsbeginn und damit steigenden Temperaturen bleibt nur noch etwas mehr als eine Woche. Zumindest dann ist etwas Linderung für die kriegsmüden Menschen in Aussicht. Die Hauptstadt des kriegsversehrten Landes steht nach den Worten von Bürgermeister Vitali Klitschko am Rande einer humanitären Katastrophe.