Brasiliens Präsident Lula verschärft Kritik an Trump und Uno-Sicherheitsrat bei Hannover Messe
Kurz vor seinen hochrangigen Regierungskonsultationen mit Bundeskanzler Friedrich Merz hat Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bei der Eröffnung der Hannover Messe eine scharfe Kritik an der internationalen Politik formuliert. Der 80-jährige Staatschef prangerte insbesondere das Vorgehen der USA unter Präsident Donald Trump an und bezeichnete den Krieg der USA und Israels gegen Iran als »Wahnsinn«.
Fundamentale Kritik an globaler Kriegsführung
In seiner Rede vor internationalem Publikum stellte Lula die Prioritäten der Weltgemeinschaft fundamental in Frage. »Es ist im 21. Jahrhundert nicht hinnehmbar, dass Hunger, Analphabetismus und fehlender Zugang zu Elektrizität für Milliarden Menschen ungelöst bleiben, während zugleich 2,7 Billionen US-Dollar für Kriege ausgegeben werden«, argumentierte der brasilianische Präsident mit deutlichen Worten.
Der linksgerichtete Politiker beschrieb die aktuelle geopolitischen Lage als von großen Paradoxa geprägt: »Während Astronauten zum Mond fliegen, werden bei den Bombardements im Nahen Osten wahllos Frauen und Kinder getötet«. Diese Kritik hatte Lula bereits im Vorfeld seiner Deutschlandreise in einem SPIEGEL-Gespräch vorbereitet, in dem er betonte, Trump sei nicht zum »Kaiser der Welt« gewählt worden.
Scharfe Anklage gegen Uno-Sicherheitsrat
Nicht nur die US-Politik stand im Fokus von Lulas Kritik, sondern auch die Strukturen der Vereinten Nationen. Der brasilianische Präsident attackierte die fünf ständigen Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats – die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien – mit ungewöhnlicher Direktheit.
»Man müsse Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping, Emmanuel Macron und Keir Starmer fragen, wozu der Sicherheitsrat überhaupt diene«, forderte Lula. Das Gremium, das eigentlich geschaffen wurde, um Frieden zu sichern und eine Wiederholung des Zweiten Weltkriegs zu verhindern, versage angesichts der aktuellen Konfliktlage. Die Welt erlebe heute so viele Konflikte wie nie seit 1945, während die Mächtigen tatenlos zuschauten.
Deutschland und Brasilien fordern Reformen
Brasilien drängt wie Deutschland seit Langem auf eine umfassende Reform des Uno-Sicherheitsrats. Beide Länder streben einen ständigen Sitz in dem mächtigen Gremium an und sehen in der aktuellen Blockadehaltung der etablierten Mächte ein zentrales Problem der internationalen Ordnung.
Die Kritik an den globalen Machtstrukturen bildet den politischen Hintergrund für die anstehenden Regierungskonsultationen zwischen Deutschland und Brasilien, die am Montag in Hannover stattfinden werden. An dem Treffen nehmen neben Kanzler Merz und Präsident Lula insgesamt 15 Minister beider Seiten teil.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit im Fokus
Trotz der grundsätzlichen politischen Kritik stehen wirtschaftliche Fragen im Zentrum der bilateralen Beratungen. Kurz bevor das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den lateinamerikanischen Mercosur-Staaten vorläufig in Kraft tritt, wird es bei dem Treffen vor allem um konkrete wirtschaftliche Zusammenarbeit gehen.
Das Abkommen, durch das eine Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Menschen entsteht, kann ab dem 1. Mai angewendet werden. Bundeskanzler Merz betonte bereits am Freitag die Bedeutung dieser Vereinbarung: »Wir treffen uns zu einem Zeitpunkt, der auf der einen Seite besser nicht sein könnte, was das europäisch-südamerikanische Verhältnis betrifft«, sagte er mit Blick auf das Freihandelsabkommen.
Vor den eigentlichen Regierungskonsultationen wollen Lula und Merz noch gemeinsam den traditionellen Rundgang über die Hannover Messe absolvieren und an einem Wirtschaftsforum teilnehmen. Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland der bedeutenden Industriemesse, was die wirtschaftliche Dimension des Besuchs unterstreicht.
Historischer Kontext der Konsultationen
Deutschland führt Regierungskonsultationen traditionell nur mit besonders engen Partnern wie Frankreich, Polen und Italien oder mit besonders wichtigen Ländern wie Brasilien oder Indien durch. Die Tatsache, dass Brasilien in diesen exklusiven Kreis aufgenommen wurde, unterstreicht die strategische Bedeutung, die Deutschland der Partnerschaft mit dem größten Land Südamerikas beimisst.
Die gleichzeitige scharfe politische Kritik und die intensive wirtschaftliche Zusammenarbeit zeigen die komplexe Natur der internationalen Beziehungen im 21. Jahrhundert, in denen wirtschaftliche Interessen und politische Grundsatzfragen oft nebeneinander bestehen müssen.



