Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Sie haben in einem Interview mit dem „Spiegel“ geklagt, dass Sie wie kein anderer Bundeskanzler vor Ihnen angegriffen und herabgewürdigt werden. Niemand habe so etwas ertragen müssen wie Sie. Das ist nicht ganz richtig, wie ich Ihnen in aller Freundlichkeit darlegen möchte.
Willy Brandt und Helmut Kohl: Auch sie litten
Gegen den Kanzlerkandidaten Willy Brandt führte die Union eine Kampagne unterhalb sämtlicher Gürtellinien. Brandt wurde sogar vorgeworfen, dass er unehelich geboren wurde. Helmut Kohl musste es sich jahrelang gefallen lassen, als „Birne“ verspottet zu werden. Eine Birne ist im Laden deutlich niederpreisiger als die Puppe Pinocchio, wegen dieser Bezeichnung haben Sie geklagt. Ich finde, Sie verklagen Leute wirklich sehr oft. Keine Kanzlerkritikergeneration musste so viele Klagen ertragen.
Sprachliche Kreativität gelobt
Ich möchte Sie aber auch loben. Sie sind kreativ in sprachlichen Dingen. Hatten Sie die Idee, die Megamonsterschulden ein „Sondervermögen“ zu nennen? Nicht schlecht! In dem „Spiegel“-Interview sagten Sie über Steuererhöhungen für sogenannte Reiche, dass jetzt „der Steuertarif im oberen Bereich geglättet“ wird. Mieterhöhungen darf man ab jetzt als Mietzinspolitur bezeichnen, oder? Der Sprit-Tarif im Tankbereich ist inzwischen so glatt geschliffen, dass die Autos fast schon von allein rollen.
Hochachtungsvoll, Harald Martenstein



