EU-Parlamentspräsidentin Metsola: Europa hat wenige Freunde in der Welt
Metsola: Europa hat nicht viele Freunde weltweit

EU-Parlamentspräsidentin Metsola warnt: Europa steht mit wenigen Freunden da

Es war ein Donnerstag, der in die Geschichte der Europäischen Union eingehen wird. Nach einem EU-Gipfel, der praktisch alle Teilnehmer verärgert zurückließ, hat Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán mit seiner Blockadehaltung für einen handfesten Eklat gesorgt. Trotz intensiver Überredungsversuche seiner europäischen Kollegen stimmte der 62-Jährige gegen weitere Finanzhilfen für die Ukraine und gegen Sanktionen gegenüber Russland – eine Entscheidung, die in Brüssel auf scharfe Kritik stieß.

Merz und Costa werfen Orbán Illoyalität und Erpressung vor

Bundeskanzler Friedrich Merz warf dem ungarischen Regierungschef einen „Akt grober Illoyalität“ vor. Noch bemerkenswerter waren die Worte des sonst so besonnenen portugiesischen Ratspräsidenten António Costa, der von „Erpressung“ sprach. Besonders pikant: Orbán hatte dem umfangreichen 90-Milliarden-Kreditpaket für Kiew erst im Dezember noch zugestimmt, um es nun zu blockieren.

Mitten in dieser Krise äußert sich EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola im exklusiven BILD-Interview. Die 47-jährige Malteserin zeigt sich trotz der aktuellen Spannungen überzeugt, dass die Europäische Union auch aus dieser schwierigen Situation gestärkt hervorgehen wird. „Europa ist aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen“, betont Metsola mit Nachdruck. „Ich habe keinen Zweifel, dass es dieses Mal auch so sein wird.“

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Ukraine-Unterstützung als europäische Sicherheitspolitik

Die Unterstützung der Ukraine ist für die EU-Parlamentspräsidentin nicht nur eine Frage der Solidarität, sondern elementarer Selbstschutz. „Für uns ist die Unterstützung der Ukraine kein Altruismus, sondern knallharte Sicherheitspolitik“, erklärt Metsola mit ungewöhnlicher Deutlichkeit. Das Thema geht ihr persönlich nahe – nicht nur, weil sie das von Orbán blockierte Gesetz selbst unterzeichnet hat.

Die Bedrohung durch Russland reicht bis in ihre eigene Familie: Metsola ist mit einem Finnen verheiratet, mit dem sie vier Söhne hat. Einer von ihnen leistet gerade seinen Wehrdienst in Finnland ab, jenem Land, das eine 1300 Kilometer lange Grenze zu Russland teilt. Diese persönliche Verbindung macht die geopolitischen Spannungen für die EU-Spitzenpolitikerin besonders greifbar.

EVP-Krach und die Suche nach proeuropäischen Kräften

Der zweite große Konflikt dieser Woche betrifft Metsolas eigene politische Familie, die Europäische Volkspartei. Nach gescheiterten Verhandlungen mit den Sozialdemokraten über eine Verschärfung der Asylgesetze hat sich die EVP-Fraktion unter Manfred Weber mit rechtsaußen stehenden Parteien wie der AfD abgestimmt – ein Schritt, der selbst innerhalb der konservativen Fraktion für Unmut sorgte.

Kanzler Merz pochte prompt auf die Einhaltung der „Brandmauer“ zu rechtsextremen Kräften und forderte Weber auf, die Angelegenheit rasch zu klären. Metsola selbst weicht auf die Frage nach ihren persönlichen roten Linien geschickt aus: Sie sei die Präsidentin aller 720 Abgeordneten, unabhängig von deren Parteizugehörigkeit.

Dennoch gesteht die Malteserin ein: „Wir müssen versuchen, die proeuropäischen Kräfte zusammenzubringen, die wirklich die richtigen Lösungen für die Menschen anbieten wollen.“ Mit einem bemerkenswerten Eingeständnis fügt sie hinzu: „Das haben wir die letzten Jahre nicht getan.“

Selbstkritik und Warnung vor Bürokratie

Selbstkritik ist in den Brüsseler Institutionen noch seltener anzutreffen als in Berlin. Roberta Metsola, der Ambitionen auf noch höhere EU-Ämter nachgesagt werden, hebt sich damit bewusst von anderen Spitzenvertretern ab. Bereits 2024 warnte sie auf einem EVP-Kongress vor einem Übermaß an EU-Bürokratie und Regelwut: „Wir haben die Bürger nicht mehr auf unserer Seite.“

Im aktuellen Interview präzisiert sie diese Warnung: „Die Menschen erwarten von uns, dass wir ihr Leben einfacher machen. Sie wollen keinen bürokratischen Albtraum aus Brüssel, sie wollen Lösungen für ihre alltäglichen Probleme.“ Dieser Erwartungshaltung müssten die gewählten Politiker endlich nachkommen.

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Als die Abgeordneten im Oktober 2025 das sogenannte „Lieferkettengesetz“ in einer ersten Abstimmung retteten, richtete sich Merz’ Zorn auf diese Entscheidung, die er als „inakzeptabel“ und „fatale Fehlentscheidung“ brandmarkte. Metsola schoss scharf zurück und forderte Respekt vor demokratischen Entscheidungsprozessen ein.

Gute Beziehung zu Merz und Sorge um transatlantische Bindung

Trotz dieser Differenzen verstehen sich der deutsche Kanzler und die EU-Parlamentspräsidentin grundsätzlich gut, wie sich bei Metsolas Kurzbesuch im Kanzleramt diese Woche zeigte. Die Juristin lobt Merz ausdrücklich: Es sei „ein Vorteil, dass er Zeit außerhalb der Politik verbracht hat.“

Eine wichtige Gemeinsamkeit verbindet beide Politiker: die enge Verbundenheit mit den Vereinigten Staaten. An diesem Punkt des Gesprächs wird Metsola nachdenklich und äußert eine ernüchternde Einschätzung: „Wenn wir uns die Welt insgesamt anschauen, hat Europa nicht viele Freunde. Es gibt nicht viele Demokratien, die sich gegen die Autokraten zusammentun können.“

Auch die mögliche Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus sieht die EU-Parlamentspräsidentin nicht als Ende der transatlantischen Beziehungen: „Ich möchte, dass wir an einem Tisch sitzen und diskutieren, wie wir vorangehen können. Aber niemals mit dem Gedanken, die Tür zu schließen.“ Trotz aller Herausforderungen bleibt Roberta Metsola damit die optimistische Stimme in einer von Krisen geschüttelten Europäischen Union.