EU-Parlamentspräsidentin Metsola im exklusiven BILD-Gespräch
Die mächtigste Frau des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, äußert sich in einem umfassenden Interview mit BILD zu den drängendsten Fragen der europäischen Politik. Die 47-jährige maltesische Politikerin, die als mögliche Nachfolgerin von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gehandelt wird, spricht offen über ihre Beziehung zu Bundeskanzler Friedrich Merz, die aktuellen Krisen der EU und die wachsende Entfremdung zwischen Bürgern und etablierten Parteien.
Deutschkenntnisse und die Beziehung zu Kanzler Merz
„Ich glaube, meinen Eltern wäre es lieb, wenn ich ein bisschen mehr Deutsch sprechen würde“, gesteht Metsola zu Beginn des Gesprächs. Obwohl ihre Mutter perfekt Deutsch unterrichtet, konzentrierte sich die Parlamentspräsidentin in der Schule auf Italienisch und Französisch. Dennoch betont sie ihre Verbundenheit mit Deutschland und hält gelegentlich Reden auf Deutsch.
Über Bundeskanzler Friedrich Merz sagt Metsola: „Absolut. Er ist ein sehr offener, warmherziger Mensch.“ Sie hebt besonders hervor, dass seine Erfahrungen außerhalb der Politik eine wertvolle Perspektive einbringen. Trotz eines öffentlich gewordenen Streits im Oktober über Bürokratiefragen betont Metsola die produktive Zusammenarbeit: „Wir haben viele intensive Diskussionen, das kann ich Ihnen versichern.“
Die EU in der Zeitenwende: „Es läuft nicht mehr wie gewohnt“
Metsola beschreibt eine europäische Union im permanenten Krisenmodus: „Wir kommen aus einer Pandemie, wir haben seit vier Jahren Krieg auf unserem Kontinent – mit keiner Lösung in Sicht. Und wir haben einen neuen Krieg im Nahen Osten.“ Diese multiplen Herausforderungen erforderten ein neues Tempo in der europäischen Politik. Die gewohnten Verfahrensweisen seien überholt, Entscheidungen müssten schneller getroffen werden – allerdings ohne Qualitätseinbußen bei Gesetzen.
Die Parlamentspräsidentin verweist auf konkrete Beispiele beschleunigten Handelns: die Einstufung der Islamischen Revolutionsgarde als Terrororganisation und die schnelle Aufnahme geflüchteter Ukrainer. „Politik heute braucht Führung und Timing“, betont Metsola. Das Zögern und Aufschieben von Entscheidungen sei in der aktuellen geopolitischen Lage keine Option mehr.
Wählervertrauen und die Herausforderung durch populistische Parteien
Ein zentrales Thema des Interviews ist die wachsende Entfremdung zwischen Bürgern und etablierten Parteien. Metsola stellt eine schonungslose Selbstkritik an: „Wir haben unsere Wähler für selbstverständlich genommen.“ Manchmal würden sogar Wähler für ihre Wahlentscheidungen verantwortlich gemacht, dabei liege die Verantwortung bei den Politikern selbst.
Die EU-Parlamentspräsidentin warnt vor den Konsequenzen dieser Entwicklung: „Wenn wir keine Antworten finden, werden die Menschen woanders danach suchen. Sie werden bei der nächsten Wahl entweder zu Hause bleiben oder Parteien wählen, die für das Gegenteil stehen, für das ich stehe.“ Metsola plädiert dafür, sich wieder stärker mit den realen Problemen der Bürger zu beschäftigen und konkrete Lösungen für alltägliche Herausforderungen wie hohe Energiekosten zu liefern.
Transatlantische Beziehungen und europäisches Selbstbewusstsein
Zur Frage nach US-Präsident Donald Trump als möglicher Bedrohung für die europäische Einheit positioniert sich Metsola klar als Pro-Transatlantikerin. Sie betont die jahrzehntelang gewachsene gemeinsame Basis fundamentaler Werte wie Freiheit, Minderheitenschutz und Medienfreiheit. „Anders als andere will ich nicht sagen, dass die Beziehung kaputt ist“, erklärt sie. Stattdessen plädiert sie für fortgesetzten Dialog.
Gleichzeitig wünscht sich Metsola ein selbstbewussteres Auftreten der Europäischen Union: „Ich wünsche mir, dass wir Europäer selbstbewusst sagen, wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind.“ In einer Welt mit unzuverlässigen Nachbarn und Krieg auf dem eigenen Kontinent müsse Europa klarer definieren, wer seine Freunde sind – und diesen auch verlässlich gegenüberstehen.
Persönliche Zukunft und mögliche dritte Amtszeit
Spekulationen über eine mögliche dritte Amtszeit als EU-Parlamentspräsidentin – was historisch beispiellos wäre – oder sogar eine Nachfolge von Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin weist Metsola zurück: „Ich spekuliere nicht über meine Zukunft. Ich konzentriere mich darauf, jeden Tag meinen Job zu machen, den meine Kollegen mir anvertraut haben.“
Das Interview mit den BILD-Redakteuren Albert Link und Luisa Volkhausen fand in Berlin statt und zeigt eine EU-Parlamentspräsidentin, die sich der enormen Herausforderungen für die Europäische Union bewusst ist – und gleichzeitig die Notwendigkeit betont, das Vertrauen der Bürger durch konkretes Handeln zurückzugewinnen.



