Münchner Sicherheitskonferenz startet mit historischer Beteiligung
Es wird eine Sicherheitskonferenz der Superlative, wie Veranstaltungsleiter Wolfgang Ischinger bereits angekündigt hat. Das weltweit wichtigste Expertentreffen zur Sicherheitspolitik beginnt am Freitagnachmittag im Münchner Hotel Bayerischer Hof mit einer Eröffnungsrede von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Mehr als 60 Staats- und Regierungschefs werden erwartet – so viele wie noch nie zuvor in der Geschichte der Konferenz.
Die neue Weltordnung im Fokus
Der enorme Andrang hat einen konkreten Grund: Die auf internationalen Regeln und Organisationen basierende Weltordnung wird derzeit von Akteuren wie US-Präsident Donald Trump fundamental infrage gestellt. Es gibt daher dringenden Diskussionsbedarf auf höchster Ebene. Die Konferenz findet in einer Zeit statt, in der sich die globale Sicherheitsarchitektur im Umbruch befindet.
Friedrich Merz und die europäische Machtpolitik
Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos und in einer Regierungserklärung im Bundestag auf seinen Auftritt in München vorbereitet. Er zeichnete dabei das Bild einer düsteren neuen Welt der Großmachtpolitik, in der sich Europa durch mehr militärische Eigenständigkeit, wirtschaftliche Stärke und politische Geschlossenheit behaupten müsse. „Europa werde seine Vorstellungen nur dann durchsetzen können, wenn wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen, wenn wir selbst eine europäische Macht werden“, betonte Merz im Bundestag.
Allerdings bleiben zentrale Fragen noch offen:
- Braucht Europa einen eigenen nuklearen Schutzschirm?
- Wie können wirtschaftliche und technologische Abhängigkeiten von den USA und China verringert werden?
- Welche konkreten Schritte sind für eine stärkere europäische Sicherheitspolitik notwendig?
Von Merz werden in München konkrete Antworten erwartet, die über allgemeine Bekenntnisse hinausgehen.
Marco Rubio: Der Gesandte aus Washington
Der Auftritt von US-Außenminister Marco Rubio am Samstagfrüh wird mit besonderer Spannung erwartet. Die große Frage ist, ob er an die kontroverse Rede seines Vorgängers JD Vance anknüpfen wird, der vor einem Jahr europäische Verbündete mit Vorwürfen der Meinungseinschränkung verunsicherte. Die Erwartungen der europäischen Partner sind klar:
- Ein klares Bekenntnis zur NATO und transatlantischen Partnerschaft
- Verbindliche Zusagen zum Verbleib von US-Truppen in Europa
- Klare Signale zur nuklearen Abschreckung auf dem Kontinent
Das andere Amerika: Gavin Newsom und die Demokraten
Sehr prominent vertreten ist in diesem Jahr auch das andere Amerika – jenes, das sich gegen die Politik von Donald Trump positioniert. An der Spitze steht Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, der als möglicher Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei für 2028 gehandelt wird. Newsom plant ein Treffen mit Bundeskanzler Merz, was im Team Trump sicherlich auf wenig Begeisterung stoßen wird.
Weitere prominente Vertreter der demokratischen Opposition in München:
- Die linke Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez
- Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer
- Die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton
Reza Pahlavi und der iranische Widerstand
Nachdem er im vergangenen Jahr noch ausgeschlossen war, wird Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien, in diesem Jahr zu den schillerndsten Protagonisten der Konferenz zählen. Der 65-jährige Exil-Oppositionelle hat die Massenproteste gegen die iranische Führung massiv unterstützt und wird neben seinem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz auch bei einer Großdemonstration auf der Münchner Theresienwiese erwartet.
Die iranische Regierung selbst wurde nach einer ursprünglichen Einladung wieder ausgeladen – eine Reaktion auf das gewaltsame Vorgehen gegen Protestbewegungen mit Tausenden Toten.
AfD-Rückkehr in veränderter Form
Nach zweijährigem Ausschluss öffnet die Münchner Sicherheitskonferenz ihre Türen wieder für Vertreter der AfD – allerdings in eingeschränkter Form. Während AfD-Chefin Alice Weidel außen vor bleibt, dürfen drei Fachpolitiker der Partei teilnehmen. Konferenzleiter Ischinger begründet diese Entscheidung mit dem Status der AfD als größter Oppositionspartei.
Der außenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Markus Frohnmaier, reist sogar ohne offizielle Einladung nach München. „Teilnehmer der Konferenz haben Interesse daran, sich mit mir auszutauschen“, erklärt er selbstbewusst.
Ukraine: Wichtiges Thema, aber nicht mehr im alleinigen Fokus
In den vergangenen vier Kriegsjahren stand die Ukraine stets im Mittelpunkt der Münchner Sicherheitskonferenz. Dieses Jahr wird Präsident Wolodymyr Selenskyj zwar präsent sein, aber nicht mehr die alleinige Hauptrolle einnehmen. Der russische Angriffskrieg bleibt natürlich ein zentrales Thema, doch für konkrete Friedensverhandlungen sind kaum neue Impulse zu erwarten.
Die russische Regierung hat erneut kein Interesse an einer Teilnahme signalisiert. „Natürlich könnte München ein Ort für einen solchen Gesprächskanal sein“, räumt Ischinger ein. „Aber dafür bräuchte es auf russischer Seite die Bereitschaft zum ernsthaften Dialog und zum Frieden.“
Eine Konferenz in turbulenten Zeiten
Die Münchner Sicherheitskonferenz 2024 findet in einer Phase fundamentaler geopolitischer Umbrüche statt. Von der Zukunft der transatlantischen Beziehungen über europäische Sicherheitsautonomie bis zu regionalen Konflikten im Nahen Osten – die Agenda ist voll mit brisanten Themen. Die Protagonisten, die in diesen Tagen in München zusammenkommen, werden die sicherheitspolitische Debatte der kommenden Jahre maßgeblich prägen.



