Oft wiederholt, trotzdem falsch: Putins Angriffskrieg begann nicht vor vier Jahren
Der russische Präsident Wladimir Putin (Foto: Pavel Bednyakov/Pool AP/AP/dpa)
Es mag noch so oft wiederholt werden – und bleibt doch historisch falsch. Der Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine war nicht vor vier Jahren, sondern bereits im Februar 2014. Acht Jahre später weitete Russland seinen Überfall lediglich auf das gesamte Nachbarland aus. Den Jahrestag der Ukraine-Invasion muss man daher als das beschreiben, was er tatsächlich ist: der Jahrestag der Ausweitung des Angriffs auf das ganze Land.
Hybride Kriegsführung ab 2014
Viele Mittel der von russischen Streitkräften perfektionierten hybriden Kriegsführung wurden schon mit Beginn des Angriffs im Jahr 2014 sichtbar:
- Destabilisierung des Gegners durch systematische Falschinformation und aggressive Propaganda
- Das beharrliche Behaupten einer angeblichen Unterdrückung von Russen im angegriffenen Land
- Gründung und Unterstützung von prorussischen Milizen und Separatistengruppen
- Einsatz eigener, völkerrechtswidrig nicht gekennzeichneter Spezialkräfte und Söldner
Feiges Wegesehen und Leisetreterei des Westens
Die Reaktion der westlichen Staaten auf diese frühe Aggression? Feiges Wegesehen und beschämende Leisetreterei gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Namentlich in Deutschland wurde diese Haltung garniert von erschreckend weit verbreiteten, abenteuerlichen und geschichtsvergessenen Rechtfertigungen der russischen Landnahme zunächst auf der ukrainischen Halbinsel Krim.
Dies geschah ungeachtet der Ungeheuerlichkeit, dass sich Europas mit Abstand stärkste Militärmacht daran machte, mit brutaler Gewalt internationale Grenzen zu verändern. Ungeachtet des eklatanten Bruchs gleich mehrerer fundamentaler internationaler Verträge, die Russland selbst eingegangen und mitunter maßgeblich mitgestaltet hatte.
Fortdauerndes Desinteresse am Schicksal der Ukraine
In der steten Wiederholung der falschen Behauptung, der Krieg gegen die Ukraine habe erst 2022 begonnen, setzt sich dieses skandalöse Desinteresse am Schicksal der Überfallenen bis heute fort. Systematischer Kinderraub, massenhafte Vergewaltigungen, Folterlager, entschädigungslose Enteignungen – soll all dies weniger schlimm sein, nur weil die Krim in früheren Jahrhunderten zeitweise zu Russland gehört hat?
Wer so auf diesen Krieg schaut, verkennt ihn komplett in seiner historischen Dimension und politischen Tragweite. Dieser Konflikt ist – von Putin und weiteren, in der russischen Außenpolitik gewichtigen Stimmen ganz offen benannt – eine erste Etappe, Russlands imperiale Ansprüche in Europa gewaltsam wieder durchzusetzen. Genau diese expansive Zielsetzung macht ihn zu einem Alptraum weit über die Grenzen der Ukraine hinaus.
Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahr 2014 markiert nicht einen regionalen Konflikt, sondern den eigentlichen Beginn eines Angriffskrieges, der die europäische Sicherheitsordnung fundamental infrage stellt. Diese historische Wahrheit darf nicht länger durch bequeme Fehldatierungen verschleiert werden.



