Russische Geheimdienste setzen Informanten unter Druck: „Zwing mich nicht, dich zu jagen“
Eine umfassende Recherche von POLITICO enthüllt die bedrohlichen Methoden, mit denen russische Geheimdienste Informanten in Europa rekrutieren und kontrollieren. Neben professionellen Agenten nutzen die Dienste auch sogenannte Wegwerf-Agenten und einfache Informanten aus kremlkritischen Kreisen, die systematisch unter Druck gesetzt werden.
Bedrohliche Anrufe und Gefängnisandrohungen
Kurz vor dem Jahreswechsel 2024 erhielt ein 21-jähriger Informatikstudent aus Moskau einen beunruhigenden Anruf. „Vergiss deine Heimat nicht. Und gib uns mehr Informationen“, forderte der Anrufer – ein russischer Geheimdienstler. Der Student, den POLITICO aus Sicherheitsgründen Ivan nennt, war bereits seit 16 Monaten Ziel von Bedrängungen durch Agenten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.
Begonnen hatte alles im Sommer 2023 am Moskauer Flughafen, wo FSB-Agenten Ivan mit einem Organigramm konfrontierten und ihm vorwarfen, Mitglied der Jugendbewegung Vesna gewesen zu sein. Sie stellten ihn vor eine brutale Wahl: Entweder er wird Informant oder er riskiert eine Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren.
Seltene Einblicke in Geheimdienstmethoden
POLITICO liegen exklusive Gesprächsaufzeichnungen zwischen Ivan und seinen Führungsoffizieren aus der Zeit zwischen Sommer 2023 und Anfang 2025 vor. Diese Dokumente bieten seltene Einblicke in die Arbeitsweise russischer Geheimdienste und zeigen ein klassisches „guter Cop, böser Cop“-Muster.
Die Agenten verlangten selbst nach scheinbar belanglosen Details über kremlkritische Aktivisten im Ausland. „Finde heraus, wer in Europa ist und in welchem Land, und wer ihnen hilft“, heißt es in einer der Nachrichten. Parallel dazu stellten die Agenten scheinbar beiläufige Fragen zu Ivans Privatleben, seinen Schulden und seiner Familie – Informationen, die sie offenbar durch umfangreiche Überwachung seiner Kommunikation gewonnen hatten.
Systematische Infiltration von Exil-Oppositionellen
Seit dem Angriff auf die Ukraine haben Hunderttausende Russen das Land verlassen, darunter zahlreiche Kreml-Kritiker. In Europa hofften sie auf Sicherheit, doch stattdessen sind sie sowohl Ziel als auch potenzielle Ressource für die russischen Sicherheitsdienste geworden.
„Wir müssen uns darauf einstellen, dass uns dieses Problem noch lange begleiten wird“, sagt Andrej Soldatow, ein renommierter Experte für russische Geheimdienste. Wird ein Informant entlarvt, schürt dies Misstrauen innerhalb der gesamten Aktivistenszene und schwächt die Opposition nachhaltig.
Doppeltes Spiel und Flucht nach Spanien
Ivan entschied sich scheinbar für die Zusammenarbeit mit dem FSB, spielte jedoch von Anfang an ein doppeltes Spiel. Er vertraute sich einem Vesna-Aktivisten im Ausland an und gab den Geheimdienstlern bewusst harmlose oder falsche Informationen weiter. Anfang 2025 gelang ihm schließlich die Flucht nach Spanien, wo er inzwischen Asyl beantragt hat.
Zunächst bemerkten die Agenten offenbar nichts von seinem doppelten Spiel. Doch fünf Monate nach Ivans Abreise wurde der Ton bedrohlicher. „Du fängst an, mich zu ermüden. Du gehst nie ans Telefon“, schrieb der erste Agent in einer Nachricht. Und weiter: „Zwing mich nicht, dich zu jagen.“ Danach brach der Kontakt abrupt ab.
Kreml stigmatisiert Kritiker als Terroristen
Während der Kreml Oppositionelle im Exil öffentlich als unbedeutend darstellt, zeigt das intensive Interesse der Geheimdienste an ihnen eine tiefe Verunsicherung der Machthaber in Moskau. Parallel zu den Infiltrationsversuchen eröffnen russische Behörden weiterhin Strafverfahren gegen Kritiker – auch in Abwesenheit – und stempeln sie systematisch als „Extremisten“ oder „Terroristen“ ab.
Ivan selbst zeigt Verständnis für jene, die unter dem enormen Druck der Geheimdienste tatsächlich kooperieren. „Es ist naiv zu erwarten, dass jeder ein Held ist“, sagt er. Gleichzeitig spekuliert er über die Gründe, warum der FSB seine Verfolgung offenbar eingestellt hat: „Entweder funktioniert ihr System nicht richtig, oder sie haben eine Million Fälle wie meinen, dass sie es einfach aufgegeben haben.“
Die Präsenz russischer Geheimdienstabteilungen in Botschaften across Europa ist seit Jahren bekannt und führt regelmäßig zur Ausweisung von Agenten. Doch die systematische Rekrutierung und Einschüchterung von Exil-Oppositionellen stellt eine neue Qualität der Bedrohung dar, die die europäische Sicherheitsarchitektur vor erhebliche Herausforderungen stellt.



