Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Droht ein ungerechter Frieden?
Eine Analyse von Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der BILD.
Kurz vor dem vierten Jahrestag der russischen Vollinvasion steht die Ukraine an einem kritischen Wendepunkt. Die Erinnerungen an die Tage vor Kriegsausbruch sind noch immer lebendig. Am 17. Februar 2022, nur sieben Tage vor dem Beginn der Invasion, stand ich gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf einem Marineboot im Asowschen Meer. Damals fragte er mich mit besorgter Miene: „Wie kann es sein, dass Deutschland uns noch immer keine Waffen liefern will?“ Diese Frage hallt vier Jahre später nach und symbolisiert das anfängliche Zögern des Westens.
Der Krieg als zäher Abnutzungskonflikt
Die Frontlinie im Osten der Ukraine verändert sich kaum, doch Russland kommt Meter um Meter voran. Mit massivem Einsatz von Drohnen, Gleitbomben und pausenlosem Artilleriefeuer übt Moskau unerbittlichen Druck aus. Die ukrainischen Streitkräfte verteidigen ihr Land mit enormem Einsatz, doch die Belastung ist immens. Munitionsengpässe und gezielte Angriffe auf Energieanlagen sowie kritische Infrastruktur destabilisieren das Land von innen heraus. Experten beschreiben die aktuelle Phase als die schwierigste seit Kriegsbeginn.
Vier Jahre Krieg haben verschiedene Phasen durchlaufen: Zunächst der Schock des Angriffs auf Kiew und die Angst vor einem schnellen Zusammenbruch. Dann folgte eine Phase der Hoffnung, als ukrainische Gegenoffensiven Erfolge erzielten und der Westen entschlossener unterstützte. Die Ernüchterung setzte ein, als deutlich wurde, dass Russland sich militärisch und wirtschaftlich angepasst hatte. Jetzt dominiert eine Phase der Erschöpfung – nicht nur militärisch, sondern auch politisch und gesellschaftlich.
Politische Sackgasse im Friedensprozess
Präsident Selenskyj betont weiterhin das Interesse der Ukraine an einer friedlichen Lösung. „Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht sagen, dass das Ergebnis ausreichend ist“, erklärte er nach den jüngsten diplomatischen Gesprächen. Ein hochrangiger ukrainischer Regierungsbeamter äußerte sich gegenüber der BILD deutlich pessimistischer: „Es sieht einfach verdammt schlecht aus.“
Die Verhandlungen in Genf haben gezeigt, wie weit die Positionen auseinanderklaffen. Während Russland auf die Kontrolle des Donbass besteht, lehnt die Ukraine territoriale Zugeständnisse kategorisch ab. Selenskyj versucht dennoch, den diplomatischen Prozess am Leben zu erhalten und kündigte bereits weitere Treffen in der Schweiz an.
Gleichzeitig formuliert der ukrainische Präsident klare rote Linien: „Wir sind bereit für echte Kompromisse – aber nicht für Kompromisse auf Kosten unserer Unabhängigkeit und Souveränität.“ Er benennt offen den Druck, unter dem sein Land steht: „Sowohl die Amerikaner als auch die Russen sagen: Wenn ihr wollt, dass der Krieg morgen endet, dann geht aus dem Donbass raus.“ Diese Aussage verdeutlicht die komplexe Lage, in der selbst enge Partner Lösungen vorschlagen, die für Kiew politisch kaum tragbar sind.
Langfristige Sicherheitsgarantien als Schlüsselfrage
Selenskyj fordert inzwischen verbindliche langfristige Sicherheitsgarantien. Für ihn steht fest: Ein Waffenstillstand ohne solche Absicherungen wäre lediglich eine Pause vor dem nächsten Angriff. Jede Vereinbarung, die Russland strategische Vorteile sichert, könnte die Grundlage für neue Eskalationen legen. Ein ukrainischer Diplomat bringt die Dilemmata auf den Punkt: „Wie sollen wir das der Bevölkerung erklären, wenn Russland sich mit allem durchsetzen sollte?“
Während der russische Präsident Wladimir Putin offiziell gesprächsbereit bleibt, laufen die von Moskau formulierten Bedingungen aus ukrainischer Perspektive auf eine faktische Kapitulation hinaus. Strategisch hat Russland seine Wirtschaft auf Kriegsmodus umgestellt, während die Ukraine weiterhin auf westliche Unterstützung angewiesen bleibt. Im Westen selbst wächst jedoch die Müdigkeit angesichts des langen Konflikts.
Vier Jahre nach Beginn der Vollinvasion am 24. Februar 2022 steht die internationale Gemeinschaft vor der entscheidenden Frage: Wird dieser Krieg eingefroren, oder gibt es doch noch eine realistische Chance auf einen schnellen und gerechten Frieden? In Selenskyjs Umfeld sind die Analysen bitter. Ein ukrainischer Diplomat fasst die Situation zusammen: „Wir haben alles getan, aber Putin bewegt sich nirgendwohin.“



