Vier Jahre nach Mord: Ukrainischer Vater kennt endlich Namen des Scharfschützen
Der 8. März 2022 bleibt für Andrij Vilson ein Tag des Grauens. Nur vierzehn Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine betritt der damals 42-Jährige ein Krankenhauszimmer in Chmelnitzkyi. Neben ihm liegt sein schwer verletzter Sohn Miroslav, damals acht Jahre alt. Eine Kugel hat den Oberschenkel des Jungen durchschlagen. Doch das ist nicht die einzige Wunde dieser Familie.
Flucht endet in tödlichem Schuss
Andrij Vilson berichtet von Sekunden, die ein Leben zerstörten. Bei der Flucht aus Kiew in die nur zwanzig Kilometer entfernte Kleinstadt Bereziwka geriet die Familie in das Visier eines russischen Scharfschützen. Seine Frau Svitlana, damals 43 Jahre alt, saß am Steuer des Familienwagens, als eine Kugel sie gezielt in die Brust traf. Sie war sofort tot.
„Ihr Kopf lag auf dem Lenkrad. Ich nahm die Kinder und ging in Deckung“, erinnert sich Vilson mit stockender Stimme. „Miroslav schrie mich an und sagte: Vater, du hast ein großes Loch im Schenkel.“ Doch der Scharfschütze feuerte erneut. Diesmal traf die Kugel den kleinen Miroslav.
Ermittlungen führen zu hochdekoriertem Offizier
Anfang 2026 erreicht Vilson endlich die Nachricht, auf die er vier Jahre gewartet hat. Ein Anruf der ukrainischen Sicherheitsdienste bringt Gewissheit: „Ich kenne jetzt den Mörder meiner Frau“, erzählt der inzwischen 46-Jährige mit leiser, aber bestimmter Stimme.
Die nationalen Ermittlungsbehörden der Ukraine haben im Juli vergangenen Jahres ihre Untersuchungen zu Kriegsverbrechen in der Region um Kiew abgeschlossen. Entlang der Fernstraße M-06 in den Orten Myla, Buzowa und Bereziwka kam es zwischen dem 28. Februar und dem 16. März 2022 zu systematischen Angriffen auf zivile Fahrzeuge. Mindestens 37 Zivilpersonen wurden getötet, über 50 weitere verletzt. Unter den zerstörten Autos befanden sich auch Fahrzeuge mit der deutlichen Aufschrift „Kinder“.
Als mutmaßlicher Täter im Fall der Familie Vilson identifizierten die Ermittler Nikolajenko Roman Wladimirowitsch. Der 41-jährige Staatsbürger der Russischen Föderation dient als hoch dekorierter Offizier in der 5. selbstständigen Garde-Panzerbrigade „Tazinskaja“ der russischen Armee. Laut ukrainischen Behörten gab er persönlich den Befehl, auf Autos mit Zivilisten zu schießen.
Langer Weg der Genesung und des Neuanfangs
Nach dem Angriff warteten Vater und Sohn sechs Tage lang im Haus der Schwiegereltern, bevor ein Konvoi sie ins Krankenhaus nach Chmelnitzkyi brachte. Miroslavs Oberschenkel wurde operiert, acht Schrauben stabilisieren bis heute den Knochen. Der Junge sprach monatelang kaum ein Wort und benötigte intensive psychologische Betreuung. Erst langsam begriff er, dass er seine Mutter verloren hatte.
Im April 2022 wurden Andrij Vilson und seine beiden Söhne nach München ausgeflogen und dort weiterbehandelt. Doch der Vater entschied sich gegen einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland. „Ich wollte mit den Kindern nicht in Deutschland bleiben, da sind zu viele Russen“, begründet er seine Entscheidung. Im September desselben Jahres reiste die Familie weiter nach Kanada.
Neues Leben in der Fremde
Dreieinhalb Jahre später in Toronto: Miroslav gleitet etwas unsicher über eine Eislaufbahn, während sein Vater am Rand steht und lächelt. Dass der Junge nach seiner schweren Verletzung wieder ohne Schmerzen laufen kann, grenzt an ein medizinisches Wunder. „Wir versuchen, ein normales Leben zu führen“, erzählt Andrij Vilson. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den Moment denke, der den Kindern die Mutter und mir die Frau genommen hat.“
Miroslav besucht inzwischen die 7. Klasse, sein älterer Bruder Artom die 8. Klasse einer Junior High School. In Kiew arbeitete Andrij Vilson als technischer Direktor bei Henkel – in Toronto muss er sich als Hausmeister bei einer Chemiefirma durchschlagen. „Es ist schwer für mich, hier einen adäquaten Job zu finden“, gesteht er.
Die Familie spricht regelmäßig über Svitlana. Über gemeinsame Urlaube, über den Alltag in ihrem alten Zuhause in der Ukraine. „Wir sprechen auch über den Tag, an dem sie starb“, sagt Vilson. „Ich kann gar nicht sagen, wie sehr wir sie vermissen.“
Justiz wartet auf Täter
Die ukrainischen Behörden führten im Zusammenhang mit den Morden auf der M-06 insgesamt 400 Ermittlungsmaßnahmen und 70 forensische Untersuchungen durch. Sollte Nikolajenko Roman Wladimirowitsch festgenommen werden, würde ihm in der Ukraine der Prozess gemacht werden. Sein aktueller Aufenthaltsort bleibt unbekannt.
Andrij Vilson hat eine klare Botschaft: „Ich bete jeden Tag, dass unsere Einheiten diese Bestie vor Gericht bringen.“ Vier Jahre nach dem Verlust seiner Frau gibt es endlich einen Namen – doch Gerechtigkeit muss noch warten.



