Bützower Bahnhofsbesitzer: Wie eine AfD-Fahnenaktion eine Kleinstadt spaltete
Bützower Bahnhofsbesitzer: AfD-Fahnen spalten Kleinstadt

Wie eine AfD-Fahnenaktion den Bützower Bahnhofsbesitzer und eine Kleinstadt veränderte

Im Spätsommer 2025 wehten auf dem Dach des historischen Bahnhofsgebäudes in Bützow blaue AfD-Fahnen. Die Partei feierte dort ein Sommerfest mit dem Banner „Unser Land – unsere Regeln“ und dem Konterfei ihrer Vorsitzenden Alice Weidel. Was als politische Veranstaltung begann, entwickelte sich zu einem Ereignis, das den Bahnhofsbesitzer Poppe Gerken und die gesamte Kleinstadt nachhaltig veränderte.

Der Mann hinter dem Bahnhof

Poppe Gerken, 66 Jahre alt, war viele Jahre ein beliebter Unternehmer in der Region. 1991 kam er voller Träume aus Ostfriesland nach Bützow, baute eine Landwirtschaft auf, zog Kinder groß und engagierte sich gesellschaftlich. Der Landwirt restaurierte auf eigene Kosten eine Mühle in Zepelin, organisierte Volksfeste und unterstützte Gemeinde und Vereine. Sein gewinnendes Lächeln und seine Hilfsbereitschaft waren legendär – bis zu jenem Sommer 2025.

„Ich habe stets meine Meinung gesagt. So bin ich halt. Ein Dickschädel“, erklärt Gerken heute im Festsaal des Bahnhofs, wo noch Spuren einer Feier zu sehen sind. Das prachtvolle Gebäude aus dem Jahr 1850, einst die DDR-Mitropa, ist heute sein Eigentum.

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Die Fahnenaktion und ihre viralen Folgen

Die AfD hatte nach dem Bahnhof als Veranstaltungsort angefragt, und Gerken stimmte zu – wie eigentlich immer, wenn ihn jemand fragte. Doch während er unten im Bahnhof die Gäste begrüßte, stiegen oben die blauen Fahnen auf. „Das war nicht abgesprochen“, betont Gerken heute. „Ich habe ihnen gesagt: Ihr hättet mich doch vorher fragen müssen.“

Der AfD-Landtagsabgeordnete Martin Schmidt aus Schwerin postete bei TikTok „Bützow ist erobert“ – und stand dabei auf dem Bahnhofsdach. Der Satz verbreitete sich wie ein Lauffeuer in sozialen Medien. Wochenlang war Bützow bundesweit in den Schlagzeilen, Fahrgäste an den benachbarten Gleisen zeigten sich irritiert, es gab Demos vor der Tür.

Politische Positionen und persönliche Konsequenzen

Gerken erklärt seine damalige Sympathie für die AfD mit seiner Haltung zum Ukraine-Krieg: „Für mich ist das kein Angriffskrieg. Russland ist der russischstämmigen Bevölkerung im Donbas zu Hilfe gekommen.“ Diese Positionen habe damals auch die AfD vertreten. Doch er sei nie Parteimitglied gewesen und werde dennoch als „Nazi“ bezeichnet – was ihn zutiefst verletzt.

Die Folgen waren drastisch: Der einst beliebte Unternehmer wurde zum Ausgegrenzten. Der Bürgermeister – „mein Freund Christian“ – wandte sich ab, Kunden blieben weg, die Berufsschule in Güstrow sagte Prüfungstätigkeiten ab, eine Bank kündigte sein Konto. „Auf einen Schlag hatte ich keine Schlafgäste mehr in meinen Arbeiter-Quartieren. Null“, berichtet Gerken betroffen.

Die Stadt und ihre Wahrnehmung

Bützows Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos) will sich zu persönlichen Fragen nicht öffentlich äußern, betont aber: „Bützow ist keine AfD-Hochburg.“ Kommunalpolitisch liege die Partei bei 20 Prozent. Die Fahnenaktion habe der Stadt jedoch die negativste Außenwahrnehmung seit einem Jahrzehnt gebracht – vergleichbar nur mit dem Tornado von 2015.

Im Februar 2025 hatten bei der Bundestagswahl 45 Prozent der Bützower AfD gewählt. Doch die Fahnen auf dem Bahnhof polarisierten die Stadtgesellschaft wie nie zuvor.

Distanzierung und aktuelle Entwicklungen

Heute hat sich Gerken von der AfD distanziert. Er sei enttäuscht und wütend auf die MV-AfD, deren Landessprecher Leif-Erik Holm „inhaltlich stets sein Fähnchen in den Wind hänge“. Die Partei werde „den etablierten Parteien immer ähnlicher“ und sei nur scharf aufs Regieren.

Die Fahnenaktion hat bis heute Nachspiel: Gerken sieht sich mit Vorwürfen wegen Verstoßes gegen Denkmalschutz konfrontiert und soll viel Geld zahlen. Als er AfD-Mann Martin Schmidt davon erzählen wollte, gab es keine Reaktion.

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Verkauf und Zukunftsperspektiven

Der Bützower Bahnhof steht nun zum Verkauf – 650.000 Euro für 1600 Quadratmeter Nutzfläche und 3000 Quadratmeter Grundstück. Gerken hat bereits ein Drittel an zwei Kiosk-Betreiber verkauft. Für den Festsaal träumt er von einem chinesischen Restaurant, was vor Jahren fast funktioniert hätte, „dann kam der Corona-Blödsinn“.

„Ich will aufhören“, sagt Gerken. Auch Wohnhaus und Freizeitpark in Zepelin stehen zum Verkauf, seinen Landwirtschaftsbetrieb hat er schon vor gut zehn Jahren veräußert. Doch wegziehen werde er nicht: „Ich habe die Pflicht, meinen acht Enkeln ein ähnlich schönes Leben zu ermöglichen – in Frieden und Freiheit.“

Auf dem Bützower Bahnhof weht heute eine Deutschlandfahne. Die AfD ist seit Monaten verschwunden. Poppe Gerken blickt hoch und sagt: „Gott sei Dank habe ich ein dickes Fell. Es gibt Leute, die zu mir halten.“ Doch das Lächeln von einst ist weg – geblieben ist die Erinnerung an einen Sommer, der alles veränderte.