DDR-Stammtisch in Waren: Ostalgie-Treffen mit Prominenz lockt auch West-Besucher an
DDR-Stammtisch in Waren: Ostalgie lockt West-Besucher

DDR-Stammtisch in Waren: Historische Selbstvergewisserung mit Prominenz

Im Warener Bürgersaal fand ein besonderes Treffen statt: Der sogenannte DDR-Stammtisch brachte ehemalige Prominente aus DDR-Zeiten zusammen und zog zahlreiche Gäste aus nah und fern an. Unter den Teilnehmern waren bekannte Persönlichkeiten wie der Radrennfahrer Täve Schur, der Marathonläufer Waldemar Cierpinski, der Schlagersänger Frank Schöbel und der letzte DDR-Staatschef Egon Krenz. Gemeinsam repräsentieren sie 341 Lebensjahre Geschichte und Erfahrung.

West-Besucher auf Spurensuche

Nicht nur Ostdeutsche interessierten sich für die Veranstaltung. Thomas Brochhagen reiste eigens aus Nordrhein-Westfalen an, um mehr über die Menschen in Ostdeutschland zu erfahren. "Ich habe meine Frau und den zehnjährigen Sohn um eine zweitägige Auszeit an der Müritz gebeten", erklärte er. Brochhagen ließ sich Autogramme geben, unter anderem auf einer Seite der "Neuen Berliner Illustrierten" (NBI), die er extra für diesen Zweck bestellt hatte.

Stimmungsvolles Programm mit kontroversen Momenten

Die Veranstaltung begann mit dem vielstimmigen Gesang von "Bau auf, bau auf...!", der eine visionäre Stimmung für das bessere Deutschland im Sinne der DDR erzeugte. Frank Schöbel präsentierte ein neues Lied mit dem Titel "Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter". Täve Schur sorgte für Lacher und Applaus, als er scherzte, er wolle "100 werden, um dem Kapitalismus lange zu schaden".

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Doch nicht alle Gäste konnten sich mit der nostalgischen Stimmung anfreunden. Zwei Damen verließen den Saal vorzeitig und begründeten dies gegenüber dem Nordkurier damit, dass die Verherrlichung alter Zeiten bei ihnen Übelkeit auslöse, zumal es vielen Menschen heute sehr gut gehe.

Perspektiven zwischen Erinnerung und Gegenwart

Die meisten Besucher schienen jedoch zum Erinnern gekommen zu sein, fast wie in einer eingeschworenen Gemeinschaft. Viele thematisierten persönliche Erfahrungen wie Jobverlust, Abwicklung und biografische Brüche. Kerstin Draeger-Tlusty, die mit ihrem Mann Mike Tlusty aus Hamburg angereist war, beschrieb ihre Motivation: "Wir reden viel über unsere Kindheit, manche Spiele waren doch die gleichen. Wir wollen einander im Denken verstehen." Dennoch fühlte sie sich in manchen Momenten als "schlechter Mensch aus dem Westen".

Politische Reflexionen und historische Einordnung

Egon Krenz nutzte die Gelegenheit, um politische Reflexionen anzustellen. Er betonte, dass die DDR "40 Jahre lang eine eigene Prägung hatte" und nicht aus der Geschichte gestrichen werden dürfe. Ein anonym bleibender Zuschauer kritisierte, dass das Thema DDR in Schulen kaum noch behandelt werde und sich viele Ostdeutsche immer noch als Menschen zweiter Klasse fühlten.

Lothar Scholz reiste extra aus Feldberg an, um Egon Krenz einen Brief zu überreichen, in dem er die Bücher des letzten DDR-Staatschefs lobte. "Ich habe seine Bücher alle gelesen", sagte der 86-jährige Ex-Lehrer und bezeichnete sie als "ehrliche Aufarbeitung unserer Geschichte".

Fazit eines bereichernden Abends

Thomas Brochhagen zog ein positives Resümee: "Besser hätte ich mir den Abend gar nicht vorstellen können. Ich fühle mich nicht beschimpft, sondern klüger und bereichert." Er plant, mit seiner Familie demnächst Urlaub an der Müritz zu machen, um die Region weiter kennenzulernen. Der DDR-Stammtisch in Waren bot somit eine Plattform für historischen Austausch, kontroverse Diskussionen und persönliche Begegnungen zwischen Ost und West.

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