Jahrzehntelang wurden an der Müritz Rettungsboote für die Weltmeere gebaut. Dass die Werft Rechlin nach der Wende unterging, habe wehgetan, sagt Jürgen Krämer, Chef von damals.
Vom Assistenten zum Werftdirektor
In der DDR-Zeit reichte das Einzugsgebiet des „VEB Schiffswerft Rechlin“ weit über die umliegenden Dörfer und Städte hinaus. Viele Menschen aus der Müritzer und Strelitzer Region arbeiteten hier im Boots- und Schiffsbau. Jürgen Krämer, von 1964 bis 1990 ununterbrochen Werftdirektor, ist heute 90 Jahre alt und blickt auf eine bewegte Karriere zurück.
Anfang der 60er Jahre kam der gebürtige Parchimer nach Rechlin. Er hatte gerade sein Studium der Ingenieurökonomie an der Uni Rostock abgeschlossen. Damals war er schon verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes. Er fand seine erste Anstellung als „Assistent der Betriebsleitung“ und wurde nur ein halbes Jahr später „Ökonomischer Direktor“ auf der Werft.
Ein schwerer Schicksalsschlag
1962 dann ein schwerer Schicksalsschlag: Seine junge Frau verstarb nach schwerer Krankheit mit nur 26 Jahren. Allein mit seinem Sohn und dank seiner Eltern, die sich kümmerten, konnte er beruflich dran bleiben. Und das Schicksal wollte es so, dass er 1963 seine heutige Frau Renate als Tischdame bei einer Hochzeit zugeteilt bekam – und bald darauf heiratete.
Zwei weitere Kinder, Sohn und Tochter, machten die Familie vollständig. Ehefrau Renate merkte schnell, was sie sich „aufgehalst“ hatte: einen Ehemann, der beruflich so stark eingebunden war, dass er für die Kindererziehung oft ausfiel. „Und sie hat meinen ersten Sohn ja auch gleich mit geheiratet“, berichtete Jürgen Krämer dankbar mit einem Lächeln.
Aufbau und Erfolg der Werft
Die Mitarbeiterzahl auf der Werft wuchs von anfangs 400 auf 1100 Kollegen, Ruinen verschwanden, die Zeichen standen auf Spezialisierung und Fortschritt. So wurde die Entwicklung von Rettungsbooten aus Aluminium vorangetrieben, der Bau militärischer Wasserfahrzeuge, etwa Grenzsicherungsboote und Torpedoschnellboote, mit ins Werk geholt. Bald erfolgte die Umstellung auf glasfaserverstärkten Polyester und wurde mit der Herstellung weiterer maritimer Ausrüstung bis zu schwimmenden Fischaufzuchtanlagen begonnen.
Zeitweise befanden sich um die 100 Lehrlinge in Ausbildung. Nachwuchs der Uni Rostock, der Hochschule Wismar und anderer Fachschulen brachte die Konstruktionsabteilung voran. Schon Ende der 60er Jahre wurden die großen Hallen 49 und 50 errichtet, die Halle 45, ein Ölheizwerk. 1973 kam die beliebte Betriebsgaststätte hinzu und wegen der Ölkrise im Jahr 1983 dann noch ein neues Rohbraunkohle-Heizwerk.
Ohne persönlichen Einsatz und Vitamin B ging nichts: Über den Rat des Kreises, die Bezirksplankommission bis zum Berliner Ministerium reichten die Fäden, die gezogen werden wollten. Indes entstand auf der Werft eine Sanitätsstelle mit Betriebs- und Zahnarzt, eine Lebensmittelverkaufsstelle – und für die Freizeitgestaltung wurde eine Bungalowsiedlung in Pelzkuhl aufgebaut.
Das Ende nach der Wende
Doch so erfolgreich und zukunftsträchtig sich die Werft bis in die 1980er Jahre auch entwickelte, umso schmachvoller und ernüchternder fiel das Ende aus. In der Nachwendezeit ging der einstige Vorzeigebetrieb, der zum VEB Kombinat Schiffbau Rostock gehörte und in der DDR „Leitbetrieb der Erzeugnisgruppe Rettungsmittel“ war, rigoros unter – trotz vielfach bewiesenen Know-hows und trotz Demonstrationen für den Erhalt.
„Rechlin braucht Wasser unterm Kiel“, hatten die Beschäftigten seinerzeit auf die symbolisch aufgestellten Boote an den Zufahrtsstraßen gepinselt. Die Belegschaft, in den Hochzeiten bis zu 1100 Mitarbeiter, kämpfte um ihre Jobs. Doch der vermeintlich „goldene Westen“ brachte kein Glück für den maritimen Werksstandort im Herzen Mecklenburgs. Verkauft, zerschlagen, abgewickelt – dasselbe Schicksal, das seinerzeit viele Großbetriebe in den neuen Bundesländern ereilte.
Neuanfang und Versöhnung
Für Jürgen Krämer, der in seiner Funktion als Werftdirektor in die Strukturen der DDR eingebunden war und auch das Parteibuch besaß, kam das Aus sogar noch früher. Bei einer Gewerkschaftsversammlung 1990 wurde die alte Betriebsleitung mehrheitlich abgewählt – ein Ende, das er so nicht erwartet hatte und auch nur schwer verdauen konnte. Jahrelang mied er den Gang auf das einstige Werftgelände.
Heute könne er mit Wehmut, aber auch mit erhobenem Haupt auf die Zeiten zurückblicken. Er habe seinen Frieden mit den Ereignissen gemacht. Und er erfreue sich daran, dass Rechlin trotz des Verlustes dieses Betriebes „weiter eine positive Entwicklung genommen hat“, wie er in seiner Geburtstagsansprache sagte.
Rechlins Bürgermeister Wolf-Dieter Ringguth (CDU) gratulierte und hob das Wirken des Jubilars für die Gemeinde hervor. Dieser sei nicht umsonst vor ein paar Jahren zum Ehrenbürger Rechlins ernannt worden. „Egal, welche Gesellschaftsordnung – Jürgen Krämer hat unglaublich viel für die Müritzgemeinde geleistet“, lobte Ringguth. Dafür zolle er ihm Respekt.
Engagement über die Werft hinaus
Nahtlos konnte er beim Arbeitgeberverband anfangen und die Strukturen der Geschäftsstelle in Neubrandenburg mit aufbauen. Tägliches Pendeln von Rechlin in die einstige Bezirkshauptstadt nahm er in Kauf. Als er im Vorruhestand hätte kürzertreten können, bat ihn die Gemeinde Rechlin, den Abzug der sowjetischen Streitkräfte vom Flugplatz Rechlin-Lärz zu begleiten. Mit seinen guten Russischkenntnissen und freundschaftlichen Kontakten zur Garnison gelang ihm dies gemeinsam mit den Bürgermeistern und der eigens gegründeten Arbeitsgruppe 1993 „in ehrenvoller Weise“.
Sein Engagement auf dem Flugplatz, der zum zivilen Verkehrslandeplatz vorrangig für die Sportfliegerei umgewidmet wurde, war damit aber noch nicht beendet. Krämer wurde Geschäftsführer der neu gegründeten Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft. In den wohlverdienten Ruhestand ging er erst, als er den Flugplatz in sicheren Bahnen wähnte: „Als ich wusste, der Flugplatz muss nicht untergehen, er wird Bedeutung behalten.“
Ein Leben für die Werft
Dennoch, trotz der neuen beruflichen Aufgaben: „Mein Lebenswerk war die Schiffswerft“, fasste Jürgen Krämer sichtlich bewegt zusammen. Mit Ehefrau Renate hat er Tiefen und Höhen gemeistert, die Diamantene Hochzeit gefeiert. Man kämpfe inzwischen „mit den Alterseigenheiten“. Indes ist Jürgen Krämer längst dreifacher Opa und seit 2019 auch Uropa. In jüngster Zeit sah man ihn häufig mit dem dreirädrigen E-Bike Fahrrad fahren. Auch hochbetagt bleibt er aktiv, so gut es geht. Und wenn es einen Wunsch gibt, den der Jubilar äußern wollte, so ist es der nach politischer Vernunft. „Wir haben doch eine verrückte Welt. Das Allerwichtigste ist Frieden. Ich hoffe sehr, dass er sich durchsetzen wird.“



