DDR-Geschichte: FDJ-Jugendobjekt „Drushba-Trasse“ als mehrjähriges Abenteuer erlebt
FDJ-Jugendobjekt Drushba-Trasse: Abenteuer in der Sowjetunion

DDR-Geschichte: FDJ-Jugendobjekt „Drushba-Trasse“ als mehrjähriges Abenteuer erlebt

In den 1970er-Jahren elektrisierte das Wort „Erdgas“ viele junge Menschen in der DDR. In den unendlichen Weiten der Sowjetunion sollte eine Fernleitung zum Transport von Erdgas verlegt werden – ein Vorhaben, das zum FDJ-Jugendobjekt deklariert wurde und landauf, landab beworben wurde. Bald schallte es aus dem Radio: „Unsere Barrikade ist die Trasse…“ Der Schwedter Ulrich Bischoff war dabei und berichtete kürzlich im Erzählcafé des Schwedter Stadtmuseums von seinen Erlebnissen.

Abenteuerlust und technische Herausforderungen

Ulrich Bischoff war damals Elektriker im VEB Geräte- und Reglerwerke Teltow und junger Familienvater. Zweimal verpflichtete er sich für mehrjährige Arbeitseinsätze in der Ukraine und hinter dem Ural. Seine Beweggründe waren, wie bei vielen anderen, die Abenteuerlust. „Ich wollte Land und Leute kennenlernen und mit anderer Technik arbeiten“, sagt er. Diese andere Technik umfasste Anlagen und Schwermaschinen, die die DDR für Devisen im Westen eingekauft und an die Baustellen transportiert hatte. Auf den zu verlegenden Stahlrohren stand der Name „Mannesmann“.

Viele Jugendliche waren vom Bau der Trasse und dem Gedanken der Freundschaft zu den „Bruderländern“ begeistert. Auch Polen, Tschechen, Ungarn und Bulgaren beteiligten sich an den Arbeiten. Kaum kommuniziert wurde jedoch, dass das Erdgas nicht nur in die sozialistischen Länder floss – es ging vor allem in den Westen.

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Einsatz unter extremen Bedingungen

In den 1970er-Jahren war Ulrich Bischoff auf dem 500 Kilometer langen Bauabschnitt zwischen Krementschuk und Bar im Einsatz. Er baute ein Heizhaus und Verdichterstationen und wurde später Be- und Entlademeister, wobei er am Bau dreier Bahnhöfe beteiligt war. Was die jungen Enthusiasten am Anfang vorfanden, war Steppe, Wald und Einsamkeit. Sie mussten zunächst Wohnlager, Küchen und Sanitätsstationen errichten, bevor der Trassenbau beginnen konnte.

Die Arbeit war hart: im Sommer Schlamm und Matsch, im Winter Temperaturen von bis zu minus 48 Grad, bei denen mancherorts die Thermometer vor Kälte platzten. Alles, was es im Wohnlager zu essen und zu trinken gab, wurde aus der DDR herangeschafft – Halberstädter Würstchen, die in der Heimat nur unterm Ladentisch erhältlich waren, gab es an der Trasse ausreichend.

Verbotene Fotos und strenge Kontrollen

Ulrich Bischoff begleitete Arbeit und Freizeit mit seiner Fotokamera der Marke Praktika, was verboten war. Als Mitglied eines Fotoklubs dachte er jedoch, es sei erlaubt. „Ich musste antreten und sollte die rote Karte bekommen. Zum Glück hat sich der Baustellenleiter für mich eingesetzt“, erinnert er sich. Auch Kontakte zu westdeutschen Monteuren oder Einheimischen waren unerwünscht. Über Dienstgespräche wurde streng Buch geführt. „Dabei wollten wir gern mal ein Bier zusammen trinken“, erzählt der heute pensionierte Trassenbauer.

Unglaubliche Transportleistungen und historischer Kontext

Die Trassenbauer vollbrachten unglaubliche Transportleistungen: Stahlrohre mussten Berge, Täler und Flüsse überqueren, der Boden wurde aufgebaggert und Schweißnähte unter extremen Wetterbedingungen gezogen – Schufterei im Schichtbetrieb. Von 1975 bis 1993 verlegten FDJler 1750 Kilometer Rohleitung und bauten 19 Verdichterstationen. Die DDR investierte zudem in den Ausbau ukrainischer und russischer Infrastruktur.

Die Bezahlung war nicht zu verachten: In der Heimat lief der Verdienst weiter, zusätzlich gab es 20 DDR-Mark Auslöse pro Arbeitstag sowie einen Rubelbetrag. Viele hatten ein Genex-Konto, auf das sie die Rubel einzahlten, um später begehrte Konsumgüter in der DDR zu kaufen.

Persönliche Erinnerungen und heutige Sicht

Von 1983 bis 1993 war Ulrich Bischoff nochmals an der Trasse, diesmal mit seiner Frau. „Wir haben die Perestroika und den Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt. Zum Schluss habe ich auf der Krim Ferienhäuser für den Konzern Gazprom gebaut“, berichtet er. Bevor die DDR richtig Nutzen aus der Erdgastrasse ziehen konnte, ging sie unter – die Investitionen beliefen sich auf sieben Milliarden Mark.

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Was bleibt von den Einsätzen am FDJ-Jugendobjekt? „Es sind die Erinnerungen an das Zusammenhalten der Truppe, das Improvisieren unter schlechten Bedingungen. Und dass am Ende was geklappt hat“, sagt Ulrich Bischoff. Berichte über den Krieg in der Ukraine sieht er mit Schmerzen: „Genau dort haben wir doch was aufgebaut.“ Seine Fotos und Erzählungen bewahren ein Stück DDR-Geschichte, das heute, angesichts aktueller Konflikte, besondere Bedeutung erhält.