Kulinarische Spurensuche im Plattenbau-Treppenhaus
Vergangenen Sonntag stand wieder der wöchentliche Besuch bei meiner Mutter an, die in einem typischen Plattenbau in der Uckermark wohnt. Ihre Wohnung befindet sich in der fünften Etage, was den Aufstieg jedes Mal zu einer besonderen sensorischen Erfahrung macht - besonders um die Mittagszeit, wenn die Küchen der Nachbarn auf Hochtouren laufen.
Ein Duftorchester aus verschiedenen Etagen
Der Aufgang wird überwiegend von älteren Bewohnern bewohnt, die noch traditionell und frisch kochen. Beim Öffnen der Eingangstür empfängt einen sofort ein intensives und vielfältiges Duftgemisch, das sich mit jeder Etage verändert. Schon beim Treppensteigen begann uns das Wasser im Mund zusammenzulaufen, als wir die verschiedenen Aromen identifizierten.
Im Parterre war der Geruch von Kassler unverkennbar, wie mein jüngster Sohn sofort feststellte. „Hier unten gibt's heute bestimmt Kassler“, sagte er mit der Sicherheit eines kleinen Feinschmeckers. Ein paar Stufen höher vermuteten wir Erbseneintopf oder vielleicht Linsen, deren Düfte sich ähnlich anfühlten.
Von Rotkohl bis Rosenkohl: Die Duftlandkarte
Im dritten Stockwerk verhieß der intensive Geruch eindeutig Sauerkraut oder Rotkohl, kombiniert mit einem deftigen Braten. Die Wohnung darüber versprach Schnitzel mit Rosenkohl - zumindest war das unsere Vermutung basierend auf den verführerischen Düften, die durch die Türritzen drangen.
Und was erwartete uns schließlich bei meiner 77-jährigen Mutter? Zur großen Freude der ganzen Familie hatte sie wieder einmal Wunschessen zubereitet. Das Hauptgericht war Geflügelleber mit Zwiebeln und karamellisiertem Apfel - ein Gericht, dessen intensiver Duft bereits ab dem dritten Stockwerk nicht zu überriechen war. Als Alternativen standen Bouletten und Spargel bereit, begleitet von selbstgemachtem Kartoffelmus. Ich ergänzte meinen Teller noch mit Porree, dessen charakteristischer Geruch ebenfalls schon während unseres Aufstiegs wahrnehmbar war.
Kochtraditionen zwischen Nostalgie und Moderne
In einem Anflug von Nostalgie erklärte ich meinem Sohn später: „So war das früher überall. Da wurde in fast jeder Wohnung frisch gekocht, nicht wie heute, wo hinter vielen Türen nur noch das Piepen der Mikrowelle zu hören ist.“
Mein Junior ließ diese Kritik an modernen Essgewohnheiten jedoch nicht unwidersprochen stehen. Auch wenn die Kochleidenschaft in unserer Familie eine Generation - nämlich meine - übersprungen hat, setze sie sich bei den Kindern fort, versicherte er mir. Tatsächlich hat er sich bereits die ersten Töpfe für seinen späteren eigenen Hausstand schenken lassen.
Ich freue mich schon auf den ersten Besuch in seiner zukünftigen Wohnung. Denn dann werde ich schon vor der Tür genau wissen, was es drinnen Leckeres gibt - ganz nach der alten Plattenbau-Tradition, wo der Duft aus der Küche das beste Menü verrät.



