Demmin: Versöhnungsweg erinnert an Kriegsende 1945
Versöhnungsweg in Demmin erinnert an Kriegsende

Noch immer ringt die Hansestadt Demmin um eine passende Trauerzeremonie, abseits von etablierten Ritualen wie Kranzniederlegung oder den jährlichen Massenaufmärschen am 8. Mai, die von vielen Demminern abgelehnt werden. Es sind die leisen Töne, die kleinen Gesten, die den Verlust noch immer sichtbar machen. So hatte in dieser Woche Pastorin Uta Voll dazu eingeladen, auf einem Pilgerweg durch die Stadt der Ereignisse vom Kriegsende 1945 zu gedenken.

Versöhnung im Fokus: Nagelkreuzgemeinschaft

Die Nagelkreuzgemeinschaft organisierte diese Veranstaltung im Rahmen der Aktionswoche „Demmin ist mehr“. Am Treffpunkt in der Kirche St. Bartholomaei erklärte die Pastorin am Nagelkreuz, dass dieser gemeinsame Weg dazu dienen solle, aufeinander zuzugehen. Der Gedanke der Versöhnung solle dabei im Mittelpunkt stehen. „Versöhnung ist ein großes Wort“, sagte Uta Voll und verwies darauf, dass schon 1945 der Bischof in Coventry zur Versöhnung aufrief. Die englische Stadt war 1940 durch deutsche Bomber vollkommen zerstört worden. Der Domprobst ließ damals drei große Zimmermannsnägel, die aus den Trümmern der Kathedrale geborgen worden waren, zu einem Kreuz zusammenfügen. In die Chorwand der Ruine ließ er die Worte „Father forgive“ meißeln – „Vater, vergib“. Daraus entwickelte sich ein Versöhnungswerk mit großer Wirkung, berichtete die Pastorin: „Demmin gehört dazu.“

Stolpersteine erinnern an die Familie Davidsohn

Die zweite Station des Versöhnungsweges waren die Stolpersteine in der Kahldenstraße. David Krüger vom Heimatverein erinnerte daran, dass diese Steine 2010 zur Erinnerung an die aus Demmin stammende jüdische Familie Davidsohn verlegt worden sind. Grete, Arnold und Liesbeth Davidsohn wurden von den Nationalsozialisten 1943 ermordet. „Seit 1992 wurden in Europa über zehntausend Stolpersteine verlegt. Sie rufen zur Versöhnung auf“, erklärte David Krüger. In der Galerie am Marienhain wurde ein Bild aus Karl Schlössers Zyklus „Das brennende Demmin“ gezeigt. Er malte das Rathaus der Hansestadt, wie er es einst sah – von Trümmern umgeben, in Flammen stehend. Pastorin Uta Voll erinnerte in bewegenden Worten an die Umstände, die Schlösser zu diesem Bild inspirierten.

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Geistliche Versöhnung in der Katholischen Kirche

Nächste Station war die Katholische Kirche „Maria Rosenkranzkönigin“. Dort sprach die Pastorin über den Gedanken der geistlichen Versöhnung. „Wer nicht mit sich selbst versöhnt ist, der hat es schwer, sich mit anderen zu versöhnen“, sagte Uta Voll. Weiter führte der Versöhnungsweg zum jüdischen Friedhof an der Bergstraße, den Pastorin Voll als „guten Ort des Gedenkens“ bezeichnete. „Diese Gräber haben ewig Bestand und werden nie beräumt. Hier spürt man die Wurzeln der jüdischen Kultur“, erklärte sie. Robert Fingerloos hatte passend zu diesem Gedenkort das Gedicht „Versöhnung“ von Else Lasker-Schüler herausgesucht und trug es vor.

Gedenken am 1945er-Gräberfeld

Am 1945er-Gräberfeld auf dem Friedhof an der Jarmener Straße sprach Altbürgermeister Ernst Wellmer. Er hatte sich bereits am 1. Mai daran beteiligt, im „Garten der Erinnerung“ an der Peene Blumen im Gedenken an die Toten des Massensuizids zu pflanzen. „Heute nun sind wir zum Ende des Versöhnungsweges an ihre Gräberstätte gekommen, die derzeit saniert wird“, sagte er. Superintendent Dr. Herbert Achterberg habe damals die Aufgabe übernommen, für eine möglichst würdige Bestattung der vielen Toten zu sorgen. „Wir arbeiten bis heute daran, genaue Zahlen und auch die Namen der hier Bestatteten ausfindig zu machen. Es sind weit mehr als 1600“, sagte Wellmer. Die Kriegsgräberstätten auf dem Friedhof werden durch die Friedhofsverwaltung in Absprache mit der Stadtverwaltung und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt. Die Maßnahmen werden vom Land gefördert.

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Worte der Versöhnung und des Lernens

„Schuld und Elend lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen“, zitierte Ernst Wellmer den Historiker und Pastor Dr. Norbert Buske, der ein Buch über das Kriegsende in Demmin geschrieben hat. „Wir werden nur dann aus der Vergangenheit lernen, wenn die Wahrheit der Schrecken und des Elends ohne Abstriche benannt wird und wenn die Wahrheit des Trauerns hinzutritt. Vergangenheit lässt sich nur durch Wahrheit überwinden, und auch die Zukunft lässt sich nur durch Wahrheit gewinnen.“ „Ich wünsche mir, dass alle Menschen in Frieden leben“, sagte Hildburg Esch. Robert Fingerloos merkte an: „Trotz aller Unterschiede zwischen den Menschen ist es wichtig und notwendig, Gemeinsamkeiten zu finden.“ Die Landtagsabgeordnete Dr. Anna-Konstanze Schröder (SPD) sprach von einem Zwiespalt zwischen Schuld und Scham sowie zwischen Täter und Opfer: „Der Umgang damit ist schwierig, es gibt nicht nur Gut und Böse. Die Versöhnung ist ein wichtiger Schritt.“