Wessi kontert DDR-Nostalgie: „Uns hat auch niemand gefragt, ob wir diesen maroden Staat übernehmen wollten“
In der Uckermark hat ein pensionierter ESA-Ingenieur mit deutlichen Worten auf jüngste Beiträge und Leserbriefe zum Thema DDR, Wende und Ossi-Wessi-Konflikt reagiert. Fritz Gampe, der seit 21 Jahren in der Region lebt, rechnet in einem persönlichen und provokanten Rückblick mit verklärten Erinnerungen an die DDR und Mythen der Wiedervereinigung ab.
„Es reicht jetzt langsam“ – Reaktion auf Leserbriefe
„Wir als Wessis wurden auch nicht gefragt – bei uns stand das im Grundgesetz!“ Mit diesen Worten konterte der 78-jährige Milower auf die jüngsten Nordkurier-Beiträge. Vor allem die Leserbriefe zu dieser Thematik ordnete er in eine Kategorie ein, die er seit Jahren unter dem Titel „Die Ossi-Macher“ sammle. „So viel steht jetzt fest, es reicht jetzt langsam!“ betonte Gampe entschieden.
Eine Überschrift, die von einer Übernahme „ohne zu fragen“ sprach, habe ihn erneut in Rage gebracht. „Das ist so eine Propaganda-Lüge, wie sie direkt aus dem Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, stammen könnte“, kritisierte der Senior. Er verwies darauf, dass auch in der Bundesrepublik niemand die Bürger gefragt habe, ob sie „dieses völlig marode Stück Staat übernehmen und sanieren wollten“. Allerdings habe es im Grundgesetz eine Präambel gegeben, die zur Wiedervereinigung mit friedlichen Mitteln verpflichtete.
Historische Fakten und persönliche Erfahrungen
Gampe erinnerte an die DDR-Nationalhymne mit der Zeile „Deutschland einig Vaterland!“, die irgendwann nicht mehr gesungen werden durfte. „Können Sie sich noch daran erinnern, meine Herren und Damen Leserbriefschreiber?“ fragte er provokant.
Der pensionierte Ingenieur verwies zudem auf die erste freie Volkskammerwahl in der DDR, bei der auch die „Überstülper-Parteien“ auf dem Wahlzettel standen. „Nach meinem Kenntnisstand haben die dann abgestimmt, nicht einheitlich wie die vergangenen 40 Jahre zuvor“, so Gampe. Die neu gegründeten Länder der faktisch nicht mehr vorhandenen DDR seien dann dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beigetreten.
Persönliche Grenzerfahrungen und Umweltverschmutzung
Fritz Gampe, der regelmäßig die DDR besuchte, berichtete von prägenden Erfahrungen: „Allein schon der Grenzübertritt durch den ‚antifaschistischen Schutzwall‘ hindurch war ein Erlebnis, das man mal mitgemacht haben musste.“
Besonders eindrücklich schilderte er nächtliche Eisenbahnfahrten im Interzonenzug von Stuttgart nach Westberlin: „Unvergessen die DDR-Gestank-Marke namens Bitterfeld so gegen drei Uhr am Morgen. Der Zug musste extra langsam fahren, damit wir Wessis ja nicht dem DDR-Umweltverschmutzungsduft der sozialistischen Produktion entgehen konnten.“ Später seien die maroden Gleise dann mit „viel Wessi-Geld“ saniert worden.
Internationale Perspektive und Fazit
Der Ingenieur, der zu Wendezeiten mit seiner Frau in den Niederlanden lebte, erzählte von einem französischen Kollegen, der fünf Jahre lang die Wiedervereinigung beobachtet hatte. Dessen Fazit: „Das hätten wir uns als Franzosen nicht vorstellen können, dass das so schnell geht, dass das überhaupt geht!“
Zum Abschluss betonte Gampe: „Wir Wessis sind durchaus manchmal angefressen von dieser Art der Ossi-Darstellungen – nicht weil wir Dankbarkeit erwartet hätten, aber wenigstens im Nachhinein keine groben Fälschungen der letzten 35 Jahre!“ Er wünsche sich für die nächsten 35 Jahre eine ehrlichere Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte.
Fritz Gampe lebt seit 2005 in der Uckermark und engagiert sich aktiv im Gemeindeleben, wofür ihm jüngst auch Uckerland-Bürgermeister Matthias Schilling dankte.



