Die Jugendweihe war in der DDR weit mehr als eine Feier zum Erwachsenwerden. Der Staat verfolgte damit ein klares politisches Ziel, doch viele erinnern sich gerne an die feierliche Zeremonie. Franziska Peinelt beleuchtet die Hintergründe.
Politische Ursprünge der Jugendweihe
Bereits Anfang November 1954 erhielten die Bezirks- und Kreisleitungen der SED eine vertrauliche Mitteilung des Zentralkomitees, die die Gründung eines Ausschusses für die Jugendweihe ankündigte. Kurz darauf startete eine Kampagne zur republikweiten Einführung. Der Ausschuss erklärte Ende November 1954, man wolle „entsprechend einem allgemeinen Bedürfnis von Eltern und Schülern alljährlich in der DDR die in ganz Deutschland beliebten Jugendweihen durchführen“. Parallel dazu wurde an Schulen intensiv für die Teilnahme geworben. Bereits im Frühjahr 1955 fanden die ersten staatlich organisierten Jugendweihen statt. Offiziell blieb die Teilnahme freiwillig, doch inoffiziell entwickelte sie sich zu einem politischen Pflichtprogramm.
Walter Ulbrichts Einfluss
Besonders prägend war Walter Ulbrichts sogenannte „Sonneberger Rede“ von 1957. Der damalige SED-Chef erklärte, Jugendliche müssten an der Jugendweihe teilnehmen, „weil ihnen sonst wichtige Kenntnisse verloren gehen würden“. Dies verstärkte den Druck auf Familien, ihre Kinder an der Zeremonie teilnehmen zu lassen.
Hohe Teilnahmequoten und Motive
In den 1970er und 1980er Jahren nahmen rund 90 Prozent aller Jugendlichen an der Jugendweihe teil. Viele Familien entschieden sich jedoch nicht aus Überzeugung, sondern aus Sorge vor Nachteilen bei Ausbildung oder Beruf. Vor allem kirchlich orientierte Familien verzichteten dennoch auf die Veranstaltung. Der Feier gingen zahlreiche Jugendstunden voraus, in denen Lehrer und Pionierleiter die Achtklässler auf den neuen Lebensabschnitt vorbereiteten – mit Betriebsbesuchen, politischen Vorträgen oder Fahrten zur Gedenkstätte Buchenwald.
Ablauf und Gelöbnis
Während der Feier mussten die Jugendlichen auf die zehn Gebote des sozialistischen Staates schwören. Sie antworteten mit den Worten: „Das geloben wir.“ Anschließend erhielten sie eine Urkunde und ein Buch. Bis 1974 war dies „Weltall Erde Mensch“, danach „Der Sozialismus, deine Welt“. Von 1983 bis zur Wende wurde „Vom Sinn unseres Lebens“ übergeben. Von Angehörigen gab es meist Geld, Bettwäsche, Handtücher oder Geschirr.
Historische Wurzeln
Die Jugendweihe ist älter als die DDR. Bereits im 19. Jahrhundert entstand in der Freidenker-Bewegung der Wunsch nach einem nicht-kirchlichen Übergangsritual. Nach der Gründung der DDR wurde die Jugendweihe zunächst verboten, da die Parteiführung eine Gefahr für die eigene Macht sah. Mitte der 1950er Jahre änderte sich dies. Nach dem Ende der DDR blieb die Jugendweihe ohne politische Ausrichtung bestehen und wird vor allem in Ostdeutschland bis heute gefeiert.



