Pistorius in der Ukraine: Drohnenkrieg hautnah erlebt
Pistorius in der Ukraine: Drohnenkrieg hautnah

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will aus der Zusammenarbeit mit der Ukraine weitere Erkenntnisse für den Drohneneinsatz der Bundeswehr gewinnen. Dazu besuchte er Gefechtsstände im Osten des Landes, von denen aus der Kampf gegen die russischen Angreifer geführt wird. „Es kommt auf Tempo an, es kommt auf Produktion an, die fährt bereits hoch“, sagte der Minister nach dem Besuch.

Einblicke in den Drohnenkrieg bei Saporischschja

In Kommandostellen in den Regionen Saporischschja und Dnipro wurde Pistorius gezeigt, wie Drohnen zur Aufklärung und Bekämpfung russischer Waffensysteme und Soldaten eingesetzt werden. Er konnte dabei auch laufende Einsätze live verfolgen. Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten große Fortschritte im Umgang mit unbemannten Systemen und der Abwehr von Drohnenangriffen erzielt.

In einem versteckt gelegenen Kommandoposten des 475. Sturmregiments werden Ziele jenseits der Front bekämpft. Fotografieren ist dort verboten, der Zugang streng begrenzt. „Von hier werden aktive Einsätze gesteuert. Und aktive Einsätze bedeutet, es werden Russen getötet“, erklärte Iwan Fedorow, Chef der regionalen Militärverwaltung in Saporischschja. Der Gefechtsstand selbst ist ein mögliches Ziel des Gegners.

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Drohnenkrieg in Echtzeit

Dutzende Soldaten sitzen vor Großbildschirmen. Livestreams von Aufklärungsdrohnen und Kamikazedrohnen mit Gefechtsköpfen laufen in vielen kleinen Fenstern. Die Soldaten zoomen in Felder und zwischen Bäume, um den Feind zu finden, während Angriffsdrohnen ihre Kreise ziehen. „Wir müssen zunächst die feindlichen Drohnenpiloten bekämpfen und dann die Artillerie vernichten. Ziel ist es, eine 20 Kilometer breite Todeszone zu schaffen, in der sich niemand frei bewegen kann“, erläuterte ein Offizier.

Das Ziel ist es, gegnerische Stellungen so weit zu zerstören, dass eigene Infanterie geschützt durch gepanzerte Fahrzeuge einrücken kann. Dies ist den Ukrainern zuletzt vermehrt gelungen, nachdem sie im vergangenen Jahr oft im Rückzug waren.

Mittlere Reichweite wird immer wichtiger

Eine zunehmend wichtige Rolle spielen Drohnen für den Bereich „Middle Strike“, der von 20 bis über 100 Kilometer ins Feindgebiet reicht. Es geht darum, russischen Nachschub, Kommandoposten und Logistik zu zerstören oder zurückzudrängen. Die Front wird so „aufgeweicht“, wurde dem Minister berichtet. Die Spezialisten der 414. Brigade für unbemannte Systeme arbeiten an Rechnern in Kleinbussen mit abgehängten Scheiben. Die Ukraine hat ihre Verbände unter dem Kommando von Robert „Madyar“ Brovdi zu einer eigenen Teilstreitkraft ausgebaut. Ein Punktesystem macht den Erfolg messbar und erinnert an Computerspiele.

Diese Verbände sind ein Schlüssel dafür, dass russische Soldaten in den vergangenen Wochen zurückgedrängt werden konnten. An der unmittelbaren Front wurde dabei teils nicht gekämpft. Nach ukrainischen Angaben, die nicht unabhängig überprüft werden können, kommen auf einen getöteten oder verwundeten Ukrainer 40 Russen.

Pistorius: „Russland hat eine Phase der Schwäche“

Der deutsche Minister, der sich auf seiner siebten Reise in die Ukraine befindet, sieht Anzeichen für eine Wende im Abwehrkampf. „Ich glaube, dass die Ukrainer tatsächlich ein Momentum haben. Russland hat eine Phase der Schwäche – wirtschaftlich, innenpolitisch und auf dem Gefechtsfeld“, sagte Pistorius. Er fügte hinzu: „Die Ukrainer machen riesige Fortschritte. Die Schläge gegen russische Militärinfrastruktur im Hinterland werden empfindlicher und hinterlassen Wirkung.“ Dies erkläre vielleicht auch, warum Präsident Putin über ein baldiges Kriegsende spreche, obwohl er es selbst sofort beenden könnte. Pistorius selbst hatte eine unruhige Nacht im Osten der Ukraine, wo es nach dem Auslaufen einer Waffenruhe mehrfach Luftalarm wegen neuer russischer Drohnenangriffe gab.

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Lehren für die Bundeswehr

Pistorius nimmt aus seinem Besuch die Erkenntnis eines enormen Bedeutungszuwachses von Drohnen aller Art mit: Aufklärungsdrohnen, Kampfdrohnen, ferngesteuert oder aus der Nähe, zur Aufklärung oder für Angriffe. Besonders beeindruckt zeigt er sich vom technologischen Fortschritt und der Selbstverständlichkeit, mit der modernste Technologien in den ukrainischen Gefechtsständen eingesetzt werden. „Die Zentralen erinnern bisweilen eher an die Kommandozentralen von großen IT-Unternehmen. Das ist sehr beeindruckend. Das Tempo, die Effizienz, und gleichzeitig, wie weit diese Gefechtsführung dazu führt, dass die eigenen Soldaten geschützt werden, weil sie nicht mehr immer in die erste Reihe müssen“, so Pistorius.