Historischer Prozess: Ex-EU-Kommissar wegen Lumumba-Mord angeklagt
In einem bemerkenswerten juristischen Schritt hat die belgische Justiz entschieden, dass der ehemalige EU-Kommissar Étienne Davignon sich wegen mutmaßlicher Beteiligung an der Ermordung von Kongos erstem Premierminister Patrice Lumumba vor Gericht verantworten muss. Die Ratskammer in Brüssel gab grünes Licht für einen Strafprozess gegen den 93-jährigen Davignon, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga berichtete.
Vorwürfe der Kriegsverbrechen und Freiheitsberaubung
Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor beantragt, Davignon unter anderem wegen bestimmter Formen der Beteiligung an Kriegsverbrechen und unrechtmäßiger Freiheitsberaubung anzuklagen. Konkret geht es um die Rolle des damaligen jungen belgischen Diplomaten bei den Ereignissen, die zum Tod Lumumbas im Januar 1961 führten.
Patrice Lumumba, der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident des 1960 unabhängig gewordenen Kongo, wurde nach seinem Sturz erschossen. Historischen Vorwürfen zufolge sollen sowohl Belgien als auch die USA in die Ermordung verwickelt gewesen sein. Lumumba starb durch die Kugeln eines Exekutionskommandos in einer Waldschneise in der Provinz Katanga – barfuß, ohne Brille und zuvor gefoltert.
Letzter lebender mutmaßlicher Beteiligter
Étienne Davignon, der von 1977 bis 1985 als EU-Kommissar und zeitweise als Vizepräsident der Behörde Karriere machte, ist der letzte mutmaßliche Beteiligte an den Ereignissen, der noch lebt. Vor etwa 15 Jahren hatte ein Sohn Lumumbas eine Klage gegen rund ein Dutzend Belgier eingereicht, die seiner Ansicht nach mit dem Tod in Verbindung gestanden haben könnten.
Die Familie Lumumba zeigt sich erleichtert über die Entscheidung. „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte Lumumbas Enkelin Yema Lumumba der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir wollen die Wahrheit ans Licht bringen und die Verantwortlichkeiten klären.“
Symbolfigur afrikanischer Unabhängigkeit
Patrice Lumumba gilt bis heute als charismatische Symbolfigur afrikanischer Unabhängigkeit und des Antikolonialismus. Obwohl seine Regierung nur drei Monate Bestand hatte, wurde er zu einer Ikone, als afrikanische Nationen in den 1960er Jahren nach Unabhängigkeit von europäischen Kolonialstaaten strebten.
Belgien war unter König Leopold II. Kolonialmacht im Kongo und regierte das Land mit brutalsten Methoden. Der bevorstehende Prozess gegen Davignon wirft daher nicht nur ein Licht auf ein einzelnes Verbrechen, sondern auch auf das koloniale Erbe Belgiens und die Aufarbeitung historischer Schuld.
Die juristische Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der belgisch-kongolesischen Geschichte könnte wegweisend für ähnliche Fälle kolonialer Gewaltverbrechen werden. Der Prozess wird international mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werden, da er Fragen von historischer Gerechtigkeit und der Verantwortung ehemaliger Kolonialmächte berührt.



