Historischer Machtwechsel im Münchner Rathaus
Was vor der Wahl noch als nahezu unmöglich galt, ist nun Realität: Der Grünen-Kandidat Dominik Krause hat sich bei der Stichwahl um das Münchner Rathaus deutlich gegen den langjährigen Amtsinhaber Dieter Reiter von der SPD durchgesetzt. Damit zieht erstmals in der Geschichte der bayerischen Landeshauptstadt ein Grüner als Oberbürgermeister ins Rathaus ein.
Von der Residenz auf die Wahlsieg-Bühne
Noch am Wahltag selbst zeigte Krause auf Instagram, wie er zur Münchner Residenz radelte und einem Bronzelöwen am Eingang die Schnauze rieb - ein traditionelles Glücksritual der Münchner. Wenige Stunden später stand fest: Das Glück war auf seiner Seite. Der 35-Jährige gewann die Stichwahl mit klarem Vorsprung und beendete damit die Ära des lange als unbesiegbar geltenden Dieter Reiter.
„Irre“ und „Wahnsinn“: Grüne feiern Sensationssieg
Bei der Wahlparty der Grünen herrschte ausgelassene Stimmung. „Irre“ und „Wahnsinn“ nannte Krause seinen Sieg, als er zu Sprechchören und dem Wiesn-Kracher „Bella Napoli“ auf die Bühne trat. Er sprach von einem historischen Tag und einer politischen Sensation. „Die Münchnerinnen und Münchner haben gezeigt, sie haben genau darauf Bock“, sagte der frisch gewählte Oberbürgermeister und bedankte sich für das „gigantische Vertrauen“.
Fairer Wahlkampf trotz kontroverser Positionen
Bereits im ersten Wahlgang am 8. März hatte Krause mit seinem Überraschungserfolg bundesweit für Aufsehen gesorgt, als er Reiter in die Stichwahl zwang. Besondere mediale Aufmerksamkeit hatte der Politiker 2023 erregt, als er kurz nach seinem Amtsantritt als Zweiter Bürgermeister das Münchner Oktoberfest als „weltweit größte offene Drogenszene“ bezeichnete. Ironischerweise wird er nun als erster Grüner überhaupt die Wiesn eröffnen und das erste Fass anzapfen.
Im Wahlkampf blieb Krause trotz der Affäre um vergütete Mandate beim FC Bayern München, die Reiter schwer belastete, stets fair. Er griff den Amtsinhaber nie persönlich an und betonte stattdessen die stets gute Zusammenarbeit. Noch während der Wahlparty ließ er seine Unterstützer warten, um zunächst mit dem unterlegenen Reiter zu sprechen. Seine erste Danksagung galt dann auch seinem Konkurrenten: „Vielen Dank an Dieter Reiter.“
Inhalte statt Personenkult: „Weil mehr geht“
Während Reiter einen strikt auf seine Person zugeschnittenen Wahlkampf führte, der an Angela Merkels „Sie kennen mich“ erinnerte, setzte Krause auf konkrete Inhalte. Sein Motto „Weil mehr geht“ stand für frischen Wind im Rathaus. Besonders das Thema bezahlbares Wohnen stand im Mittelpunkt seines Wahlkampfs - 50.000 neue Wohnungen hat er versprochen.
Konfliktscheu ist der neue Oberbürgermeister jedoch nicht. Als er sich im August 2024 öffentlich für eine Olympia-Bewerbung Münchens aussprach, stieß er viele Parteifreunde vor den Kopf. Auch die Unterstützung durch Robert Habeck während des Wahlkampfs war in Bayern ein gewagtes Manöver angesichts der jahrelangen Kampagnen der CSU gegen den Bundeswirtschaftsminister.
Verwurzelt in München mit visionären Plänen
Der gebürtige Münchner und Physiker Krause ist seit 2014 Mitglied des Stadtrates. Sein politisches Engagement bei den Grünen begründet er mit Erlebnissen während einer Nazi-Demonstration in München. Als Lieblingsorte nennt er die Isar und den neu mit Krokussen gestalteten Max-Joseph-Platz vor der Oper.
Krause, der sich selbst gelegentlich als „Bürgaymeister“ bezeichnet, lebt mit seinem Verlobten Sebastian, einem Arzt, im Stadtteil Giesing. Nach seinem Wahlsieg dankte er ausdrücklich „der Liebe meines Lebens“, ohne die all das nicht möglich gewesen sei.
Jung, aber erfahren: Vom Stellvertreter zum Chef
Kritikern, die ihn für zu jung für das Amt halten, tritt Krause selbstbewusst entgegen und verweist auf Hans-Jochen Vogel, der mit 34 Jahren zum Münchner Oberbürgermeister gewählt wurde. Praktische Erfahrung sammelte Krause bereits, als er im vergangenen Jahr nach einer Operation Reiters zwei Monate lang die Amtsgeschäfte führte - geräuschlos und ohne Pannen. Auch in der heißen Phase vor der Stichwahl übernahm er die Amtsgeschäfte, während Reiter sich für den Wahlkampf Urlaub genommen hatte.
„Ich werde mich dieser neuen Aufgabe mit der notwendigen Demut und dem Respekt vor diesem Amt widmen“, versprach der designierte Oberbürgermeister. Mit seinem Sieg hat Krause nicht nur persönlich Geschichte geschrieben, sondern auch ein deutliches Signal für politischen Wandel in der bayerischen Landeshauptstadt gesetzt.



