Vom „Porno-Brunnen“ zur Marihuana-Bar: Rostocker Stasi-Führung enthüllt geheime Spuren
Rostocker Stasi-Führung enthüllt geheime Spuren der DDR

Vom „Porno-Brunnen“ zur Marihuana-Bar: Rostocker Stasi-Führung enthüllt geheime Spuren

Das beste Heilmittel gegen Ostalgie? Volker Höffer, Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs Rostock, zeigt bei seinen monatlichen Führungen konspirative Objekte der ehemaligen Geheimpolizei. Unter dem Motto „Rostock geheim!“ lädt das Bundesarchiv-Stasi-Unterlagen-Archiv Interessierte ein, auf den Spuren der Staatssicherheit durch die Innenstadt zu wandeln. Das Interesse an diesen außergewöhnlichen Stadtrundgängen wächst stetig.

Politische Aufklärung auf der Straße

Der Treffpunkt vor dem Rostocker Hof in der Kröpeliner Straße ist nicht zufällig gewählt. In diesem Gebäude, wo sich heute ein Einkaufszentrum befindet, hatte in den 1950er-Jahren die Stasi in Rostock ihren Sitz, mit direktem Übergang in die alte Untersuchungshaftanstalt. Volker Höffer, promovierter Historiker, beschäftigt sich seit Anfang der 1990er-Jahre mit der Aufklärung der DDR-Diktatur. Seit Sommer 2024 gehen er und ein Kollege mit ihrem reichhaltigen Wissen auf die Straße, um wichtige Stasi-Aktivitäten und -Stützpunkte der Stadt zu zeigen.

Die Teilnehmerzahl steigt kontinuierlich. Viele Rostocker wollen sich über das einstige Netz der Bespitzelung informieren – manche als Zeitzeugen, andere als später Zugezogene. Die Führungen finden monatlich von März bis Oktober statt, außer im September. Der Eintritt ist frei, und die Resonanz zeigt das anhaltende öffentliche Interesse an dieser dunklen Kapitel der deutschen Geschichte.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Stasi als allgegenwärtige Überwachungsmaschine

„Die Stasi war nie eine eigenständige Kraft in der DDR, sondern ausführendes Organ der SED. Und nur die konnte die Stasi stoppen“, erläutert Höffer während der Führung. Die Gruppe besucht das Konspirative Objekt „Sport“ in der Kröpeliner Straße 9, das einem bis zu achtköpfigen, höchst geheimen Stasi-Team zur Innenstadt-Observation diente.

Die Staatssicherheit wurde so gefürchtet, weil sie Geheimdienst, Geheimpolizei und strafrechtliches Verfolgungsorgan in einem war. Verfügte die Krake der Bespitzelung im Gründungsjahr 1950 über gerade mal 3.500 Mitglieder, so waren es zum Ende des kommunistischen Regimes im Jahr 1989 rund 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter und 180.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Eine „diktatorische Bespitzelungs-Dichte“, die aus Sicht von Höffer bis heute ihresgleichen sucht.

Systematische Zerstörung menschlicher Existenzen

Am Brunnen der Lebensfreude, im Volksmund auch „Porno-Brunnen“ genannt, schildert Höffer den immensen Einfluss der Stasi auf das akademische Leben Rostocks. Wer nicht auf Parteilinie war, konnte keine wissenschaftliche Karriere machen. Den Uni-Bibliotheksdirektor Alfred Eberlein trieb die Stasi erst in die Haft und dann zur Ausreise. Sein Vergehen: „Sozialdemokratismus“.

Es war ein System, das auch vor dem Schlaf- und Hotelzimmer nicht haltmachte. „Im Interhotel Warnow bespitzelten nicht nur Kellner im Auftrag der Stasi internationale Gäste, auch Frauen des horizontalen Gewerbes kamen zum Einsatz“, so Höffer. Diese „HWG-Frauen“ (Personen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr) dienten zur Schaffung von „Kompromat“, also Erpressungsmaterial.

Sie waren auch in der legendären Storchenbar in der Langen Straße im Einsatz, wo ausländische Seeleute der halbseidenen DDR-Nachtwelt mit Marihuana zusätzlichen Stoff gaben. Doch so skurril viele Anekdoten auch wirken mögen – Volker Höffer enthüllt, wie systematisch die Stasi menschliche Existenzen zerstörte. Dies wird an verschiedenen Stationen der etwa zweistündigen Führung deutlich, ganz ohne sentimentale Ostalgie, dafür mit fundiertem Fachwissen.

Termine und praktische Informationen

Die Führungen für 2026 finden an folgenden Terminen jeweils um 15 Uhr statt:

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration
  • 11. März
  • 6. Mai
  • 10. Juni
  • 8. Juli
  • 12. August
  • 14. Oktober

Eine vorherige Anmeldung ist per E-Mail erforderlich. Die Teilnahme ist kostenlos, und die Gruppengröße wird bewusst klein gehalten, um intensive Gespräche und Fragen zu ermöglichen. Die Führungen bieten einen einzigartigen Einblick in die geheime Welt der Stasi in Rostock und ihre bis heute sichtbaren Spuren im Stadtbild.