Digitalisierte NSDAP-Kartei: Einblicke in die Parteimitgliedschaft
Der Politikwissenschaftler Jürgen Falter hat sich intensiv mit der digitalisierten NSDAP-Mitgliedskartei beschäftigt. In einem Interview erläutert er, was die Eintrittsdaten über die Motive der Mitglieder verraten – und welche persönliche Geschichte ihn besonders bewegt.
Persönliche Spurensuche in der Kartei
Falter, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, gab zu, auch nach eigenen Familienmitgliedern gesucht zu haben. Bereits in den 1990er Jahren forschte er in den Original-Karteien des Berlin Document Centers. Dabei stieß er auf einen Onkel: Willi Falter aus Darmstadt, ein Bruder seines Vaters. Dessen NSDAP-Mitgliedschaft war in der Familie völlig unbekannt. Sein Großvater, ein Anhänger des katholischen Zentrums, hätte den Sohn wohl aus dem Haus geworfen, hätte er davon gewusst. Onkel Willi hatte die Mitgliedschaft zeitlebens verschwiegen.
Motive für den Eintritt: Karriere oder Überzeugung?
Falter berichtet, dass sein Onkel an seinem 18. Geburtstag, kurz vor dem Abitur, in die NSDAP eintrat. Als angehender Gymnasiallehrer hätte ihm die Mitgliedschaft den Weg in den Staatsdienst geebnet. Ob er aus Überzeugung handelte oder unter sozialem Druck stand, lässt sich nicht mehr klären – er fiel im Dezember 1944 als Soldat in Italien. Falter betont, dass es keinen formellen Zwang gab, der Partei beizutreten, aber einen erheblichen sozialen Druck, insbesondere für Beamtenanwärter.
Forschungsergebnisse zur NSDAP-Mitgliedschaft
Der renommierte Wahlforscher wertete mit seinem Team über 50.000 Mitgliedskarten aus. Seine Erkenntnisse zeigen, dass die Landbevölkerung überdurchschnittlich häufig NSDAP wählte, aber nur, wenn sie evangelisch war. Die Digitalisierung der Karteien ermöglicht nun eine noch tiefere Analyse der sozialen und regionalen Verteilung der Parteimitglieder.



