Bundeswehr rüstet mit Kamikazedrohnen auf: Milliardenprojekt vor Ausschussentscheidung
Der Haushaltsausschuss des Bundestages steht vor einer wegweisenden Entscheidung: Er soll den Weg für den Kauf von Kamikazedrohnen für die Bundeswehr im Umfang von zunächst rund 540 Millionen Euro freimachen. Dieses Milliardenvorhaben markiert einen strategischen Wendepunkt für die deutsche Verteidigung, nachdem Drohnen mit Gefechtsköpfen den Krieg in der Ukraine nachhaltig verändert haben.
Neue Waffensysteme für die Truppe
Dem Ausschuss liegen Pläne des Verteidigungsministeriums vor, die unbemannten Flugsysteme – fachlich als „Loitering Munition“ bezeichnet – bei den deutschen Herstellern Helsing und Stark Defence zu bestellen. Die Bundeswehr, die beim Einsatz von Drohnen als Waffe lange abgehängt schien, will damit ein neues Kapitel auf dem Gefechtsfeld aufschlagen und Lehren aus dem Ukraine-Krieg ziehen. Als erster Verband soll die „Brigade Litauen“ an der Ostflanke des Bündnisses die neuen Waffensysteme erhalten.
Technologie und Testphase
Als „Loitering Munition“ – etwa „lauernde Munition“ – werden Drohnen mit Sprengkopf bezeichnet, die längere Zeit über einem Zielgebiet kreisen können, bis ihnen per Datenlink ein Ziel zugewiesen und das Angriffskommando gegeben wird. Die Bundeswehr hat diese Systeme bereits getestet und den Herstellern eigene Vorgaben gemacht, sodass sie andere Versionen als die ukrainischen Streitkräfte erhält. Die Drohnen gelten damit nicht mehr als kampferprobt, müssen sich aber umfangreichen deutschen Prüfungen und dem Praxistest in der Truppe stellen.
Umfangreiche Investitionen und Aufstellung
Insgesamt sollen in den nächsten Jahren bis zu 4,4 Milliarden Euro für Kamikazedrohnen ausgegeben werden. In der ersten Tranche werden jeweils mehrere Tausend Stück bestellt. Heeresinspekteur Christian Freuding plant, in den nächsten Jahren sechs Einheiten für den Einsatz dieser Drohnen aufzustellen. Bis 2027 soll die erste Batterie mittlerer Reichweite einsatzbereit sein; bis 2029 fünf weitere. Eine Batterie entspricht in der Größe einer Kompanie aus 60 bis 150 Soldaten.
Politische Debatten und Bedenken
Vor allem die Grünen haben starke Vorbehalte gegen den an Stark Defence beteiligten US-Investor Peter Thiel geäußert und fordern Aufklärung über dessen möglichen Einfluss. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) erklärte, er teile „ausdrücklich“ Bedenken gegen die Person, relevant sei aber, ob Thiel das operative Geschäft beeinflussen könne.
Der Grünen-Verteidigungshaushälter Sebastian Schäfer kritisiert, die Bundesregierung habe bis dato keine eigenen Erkenntnisse über die Eigentümerstruktur des Unternehmens. „Gerade bei unserer Verteidigung und unserer Sicherheit geht es darum, Abhängigkeiten zu reduzieren. Europäische Unabhängigkeit bedeutet, Rüstungsgüter nicht nur in Europa zu produzieren, sondern sie auch europäisch zu finanzieren“, sagte er. Schäfer plädiert für eine strategische Beteiligung des Bundes, ähnlich wie beim Rüstungsunternehmen Hensoldt.
Hersteller weist Kritik zurück
Stark Defence erklärt, Peter Thiel habe „keinerlei Einfluss auf das operative Geschäft“ und besitze keine Sperrminorität. Bei ausländischen Investitionen in deutsche Rüstungsunternehmen sei ab 10 Prozent eine verpflichtende Vorab-Prüfung durch das Wirtschaftsministerium nötig. „Nichts davon ist hier der Fall“, sagte eine Sprecherin. Aus den Reihen von Union und SPD wird deutlich gemacht, dass die Debatte um Thiel das Projekt nicht aufhalten dürfe. Erwartet wird am Mittwoch Zustimmung der Regierungsparteien zu den Kaufplänen.
SPD begrüßt neuen Beschaffungsweg
Der SPD-Verteidigungshaushälter Andreas Schwarz betont, die im Raum stehenden Fragen seien „im Sinne der Truppe und des Steuerzahlers geklärt“. Das Beschaffungsprojekt sei wichtig für die Bundeswehr und die „Brigade Litauen“. „Die grundsätzliche Idee, die Beschaffung national auf mehrere Schultern zu verteilen, ist ein zielführender und neuer Weg“, sagte er zur Vergabe an zwei Firmen, zu denen später noch Rheinmetall als möglicher dritter Produzent kommen soll. Schwarz zeigt sich zuversichtlich, dass die Industrie die geforderte Qualität liefert, andernfalls laufen die Verträge aus, ohne dem Steuerzahler Schaden zuzufügen.



