Wehrbeauftragter kritisiert Bundeswehr-Strukturen als ineffektiv und kopflastig
Bundeswehr-Strukturen laut Wehrbeauftragtem ineffektiv

Wehrbeauftragter übergibt kritischen Jahresbericht zur Bundeswehr

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Henning Otte, hat seinen Jahresbericht für das Jahr 2025 vorgelegt und darin deutliche Kritik an den Strukturen der Bundeswehr geäußert. Der CDU-Politiker übergab das umfangreiche Dokument in Berlin und blickt darin hinter die Kulissen der Truppe, um den aktuellen Zustand und die Fortschritte auf dem Weg zur Kriegstüchtigkeit zu bewerten.

Kritik an kopflastigen Strukturen und Personalproblemen

In seinem Bericht fordert Otte eine umfassende Entschlackung der lähmenden Verwaltungsvorgänge innerhalb der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums. „Die aktuellen Strukturen der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums sind zu kopflastig, zu kompliziert und in großen Teilen nicht effektiv“, schreibt der Wehrbeauftragte. Er bemängelt insbesondere die Personalstruktur und warnt vor gravierenden Folgen für die Einsatztauglichkeit der Streitkräfte.

Otte nimmt dabei den geringen Anteil von Mannschaftssoldaten in der Truppe in den Blick, der bei lediglich 29,3 Prozent liege. „Innerhalb der aktuellen Personalstruktur der Bundeswehr kommt somit im Verhältnis gerechnet auf einen Mannschaftssoldaten fast ein Offizier“, stellt er fest. Mit 21,6 Prozent Offizieren und 49,1 Prozent Unteroffizieren sei die Bundeswehr extrem kopflastig organisiert. Otte äußert erhebliche Zweifel, ob mit einer solchen Struktur die Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung nachhaltig bewältigt werden können.

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Personalaufwuchs und Wehrpflicht-Debatte

Personal und Aufwuchs bleiben nach Ottes Bewertung die zentralen Herausforderungen für die Bundeswehr. „Ohne eine konsequente und nachhaltige Personalstrategie droht eine Diskrepanz zwischen politischen Ambitionen und militärischer Realität“, warnt der Wehrbeauftragte eindringlich. Zwar habe sich die Personalstärke zum Jahresende 2025 gegenüber dem Vorjahr um rund 3.000 Soldaten auf insgesamt 181.174 deutlich erhöht – es sei das ehrgeizigste Einstellungsjahr seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 gewesen.

Dennoch zeigt sich Otte besorgt über die langfristige Entwicklung. „Sollte das derzeitige Modell der Freiwilligkeit tatsächlich nicht genügend Aufwuchs bringen, ist die Rückkehr zu einer Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt“, schreibt er. Bereits jetzt müsse die Bundeswehr eine ausreichende Anzahl an Ausbildern sowie die notwendige Infrastruktur für die absehbar steigende Anzahl an Rekruten sicherstellen.

Für den Fall einer notwendigen Bedarfswehrpflicht fordert Otte, dass die Bundesregierung auch einen Ersatzdienst anbieten müsse. „Damit wäre noch einmal die Gelegenheit verbunden, ein modernes Pflichtdienstmodell zu schaffen und dadurch den sozialen Zusammenhalt in Deutschland zu fördern sowie die Gesamtverteidigungsfähigkeit dauerhaft auszubauen und langfristig zu stärken“, argumentiert der Wehrbeauftragte.

Geringer Frauenanteil und Diskriminierungsprobleme

Trotz intensiver Bemühungen um mehr Frauen in der Truppe sei der Anteil an Soldatinnen im Berichtsjahr nur minimal von 13,62 Prozent auf 13,71 Prozent gestiegen. Dieser Wert bleibt damit weit hinter den im Gleichstellungsgesetz geforderten 20 Prozent – außerhalb des Sanitätsdienstes – zurück. Auch die vorgegebenen 50 Prozent in der Sanität seien noch immer nicht erreicht worden.

Otte betont: „Dauerhaft werden die Bemühungen um mehr Frauen in den Kampfverbänden allerdings nur Erfolg haben, wenn die Bundeswehr jeglicher Form von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts entschieden entgegentritt“. Speziell Soldatinnen beanstanden noch immer sexistisches Verhalten oder diskriminierende Äußerungen im Dienstalltag, was eine nachhaltige Integration erschwert.

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Bürokratiewucht und Sicherheitsherausforderungen

Besonders kritisch sieht der Wehrbeauftragte die bürokratischen Hürden innerhalb der Bundeswehr. „Besonders beispielhaft für eine Bürokratiewucht sind die Formular- und Papierfluten in der Reserve“, heißt es in dem Bericht. Es gebe einen Wust von immer gleichen Formularen, Anträgen und Gesetzesvorgängen zu Freistellung, Lohnersatzansprüchen, sozialversicherungsrechtlichen Meldungen, Befreiungsanträgen, Abrechnungsanpassungen sowie Einverständniserklärungen.

Darüber hinaus teilt Otte den Eindruck zahlreicher Betroffener, dass die Bürokratie nicht abnehme, sondern weiter zunehme. Diese administrativen Belastungen behindern effektive Abläufe und binden wertvolle Ressourcen, die für die eigentlichen militärischen Aufgaben benötigt werden.

Sicherheitsbedrohungen und Extremismusvorfälle

Der Wehrbeauftragte warnt vor zunehmenden Sicherheitsbedrohungen für die Bundeswehr. Absehbar sei, dass sich Sabotageakte gegen die Streitkräfte in Zukunft häufen werden. Otte begrüßt zwar die gesetzliche Ausweitung der Abwehrbefugnisse der Feldjäger, betont aber: „Letztlich müssen alle Einrichtungen der Truppe ausnahmslos sabotagesicher sein – auch unter Berücksichtigung hybrider Bedrohungen“.

Besorgniserregend sei ein Vorfall am Fliegerhorst Holzdorf/Schönewalde, wo das neue Waffensystem Arrow 3 mit seiner Radarstellung stationiert ist. „Beunruhigend ist, dass das System noch zwei Tage vor der Inbetriebnahme Anfang Dezember des Berichtsjahres durch fremde Drohnen ausgespäht wurde und die Bundeswehr nicht in der Lage war, eine effektive Drohnenabwehr zu leisten“, so der Wehrbeauftragte.

Im Bereich Extremismus erfasste der Wehrbeauftragte im Jahr 2025 insgesamt 304 meldepflichtige Ereignisse – eine deutliche Steigerung gegenüber den 252 Sachverhalten im Vorjahr. Hiervon waren 275 Vorfälle der Meldekategorie extremistische Verhaltensweisen, Volksverhetzung und Verstoß gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung zuzuordnen.

Mehr Soldaten und Zivilbeschäftigte bedeuten auch, dass mehr Menschen eine Sicherheitsüberprüfung benötigen. Problematisch sei jedoch, dass teilweise Rekruten ihren Dienst nicht antreten konnten, weil die Sicherheitsüberprüfung noch nicht vorlag. Ein wesentlicher Grund hierfür sei die Personalsituation im Militärischen Abschirmdienst (MAD), wo nur 76 Prozent der für diese Aufgabe vorgesehenen Dienstposten besetzt seien.

Der Wehrbeauftragte wird auf fünf Jahre vom Bundestag gewählt und gilt als Anwalt der Soldaten. Seine Aufgabe ist es, den Bundestag bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle der Streitkräfte zu unterstützen und Missstände innerhalb der Bundeswehr aufzuzeigen. Der aktuelle Bericht zeigt deutlich, dass trotz einiger Fortschritte bei der Personalstärke erhebliche strukturelle und organisatorische Herausforderungen bestehen bleiben.